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Ein Abendspaziergang

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Ein Abendspaziergang | story.one

Dass sich am Ende jenes schwülheißen, von einer unbarmherzig brennenden Sonne schwülstig aufgeheizten Hochsommertages ein gereiztes Gewitter entlud, stand in keinem Drehbuch, in keinem Szenario. In den kopfsteingepflasterten Altstadtgassen wühlt die Hitze, zum Abend hin, noch immer im Fachwerk der Häuser, in den Mauern, über Treppenstufen …

Der Weg zum Abendspaziergang des Tübinger Sommertheaters »… wenn mit dem Neckar herab«, inszeniert vom Melchinger Theater Lindenhof, ist geebnet: 50 Schauspieler und doppelt so viel Publikum pilgern mit Hölderlin durch sein Leben, durch seinen Lebenstraum − durch seinen Ort, von seinem Turm hinauf zum Schloss, vorbei an der Burse, am Stift, wieder hinunter durch den Schlossbergtunnel weiter zur Neckarinsel. Dorthin, wo er sein Publikum an langer Tafel zum Leichenschmaus laden wird.

Hölderlins Weg ein Traum − fürs Publikum mag er sich so anfühlen, für Hölderlin selbst muss es ein Alptraum gewesen sein, sein Leben, sein Sterben. Ein Getriebener, der sich durch Tübingen treiben lässt; das Publikum, Freunde und Feinde zugleich, wird von ihm mitgerissen, wenn seine Worte ihn durch die Fluten seiner Tagträume begleiten. Ergriffenheit bei ihnen, wenn Unfassbares mit jedem Schritt begreifbarer, ja fassbar wird.

Im Dunkel des Tunnels vom Haagtor zum Neckar gerät das Publikum ins Taumeln, betäubend wird der Spaziergang zu einem Weg zwischen den Zeiten − eine Art Kreuzweg, sieben Statio zeigen Hölderlins Leben: er mit 13, mit 23, 33, 43, 53, 63, mit 73 Jahren, die ein Wirken zeigen, das er in Aufbrüchen, in Kraft, in Hoffnung verschwendet hat.

Kurz bevor es aus dem Dunkel wieder ins Tageslicht geht, werde ich hautnaher Zeuge seiner letzten Atemzüge: Über einem kleinen Tisch gebeugt, schreibt er zitternd mit Tinte Worte auf Papier − er gibt mir das Blatt, ich lese ›An meine Schwester - Sonne der Heimat - Schlimmer‹.

Dann, Dunkelheit überzieht die Insel, der Leichenschmaus unter Platanen. Hölderlin hält seine eigene Grabrede − ein poetischer Groll an sein Publikum, für Feinde eine wüste Beschimpfung, für Freunde eine ausgelassene Beweihräucherung. Und während das Publikum an seinen Worten noch schluckt, brüllt sich der vom Tode gezeichnete Hölderlin aus seinem Turm am gegenüberliegenden Ufer des Neckars seine letzten Worte aus dem Leib. Am Ende … sein Ende: Auf dem Neckar taucht ein Stocherkahn aus dem Dunkel, Hölderlin stochert schwankend im schlickigen Grund des Flusses, der Kahn schaukelt, der Poet strauchelt, versinkt im Wasser. Im Obduktionsbericht seinerzeit hieß es, dass ›die beiden Lungensäcke ganz mit Wasser überfüllt gewesen seien − dies hat zu seinem Tod geführt‹.

So stand es im Drehbuch geschrieben und so wurde es zig Mal geprobt. An jenem Augusttag sollte es anders kommen: Just in dem Augenblick, als Hölderlin in den Neckar fiel, zuckte genau über dem Hölderlinturm ein greller Blitz … unmittelbar gefolgt von einem Donnerschlag, der allen durch Mark und Bein drang.

© Bernd Lange 2022-02-11

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