skip to main content

#märchen#menschen#lovestories

Fast wie im richtigen Märchen

  • 377
Fast wie im richtigen Märchen | story.one

Es war einmal ...

Märchen, so seine Philosophie, gehören in das Reich der Phantasie. Allenfalls im Land der Träume haben sie noch eine gewisse Berechtigung. Ansonsten sind es für ihn Scheinwelten, Traumtänze, wenn von Hänsel und Gretel, von Schneewittchen und den sieben Zwergen, von Aschenputtel und Co. die Rede ist: Wo bitteschön liegt der tiefere Sinn dieser Erzählungen?

Sie hingegen glaubt an Märchen. Allen Unkenrufen zum Trotz dürfte es ihr der Froschkönig am meisten angetan haben. Welches junge Mädchen hat nicht schon einmal davon geträumt, von einem Frosch geküsst worden zu sein? Jedenfalls werden von ihr alle nur möglichen und unmöglichen Begegnungen geträumt: Welche mit einem Kuss des verwunschenen Prinzen beginnenden sind die schönsten, die kühnsten, die verwerflichsten?

Die letzte wahre Begegnung der beiden gestaltete sich keineswegs phantastisch märchenhaft. Ein aufmerksamer Beobachter, so es einen gegeben hätte, wäre jedoch zu einer anderen Deutung gekommen. Er würde bei scharfsinniger Analyse zur Schlussfolgerung gelangen, hier spielt sich ein Märchen ab: das ewig alte und immer wieder neue von den beiden Königskindern – geprägt durch die Blinklichter der Einbildung.

Die Szene zauberte ein nicht optimal ausgeleuchtetes Bühnenbild, doch eine perfekte Inszenierung sollte folgen. In einem Café saßen sich die Hauptdarsteller an einem Tisch gegenüber. Wie unbezwingbare Wellen auf dem großen Meer spiegelten sich kleine Falten auf der Tischdecke.

Der männliche Darsteller bewegte fast unscheinbar die Finger seiner linken Hand. Nur das intensive Zuhören und Auseinandersetzen mit der Abfolge der trommelartigen Bewegungen in regelmäßigen Abständen konnte den Zuschauer von der Richtigkeit seiner Feststellung überzeugen. Zum wiederholten Male folgten drei kurze Zeichen, drei lange Zeichen und nochmals drei kurze Zeichen, Pause. Von vorne, Pause … für den Betrachter war die Syntax eindeutig: Notruf auf See, SOS.

Überzeugte diese schauspielerische Leistung den neutralen Beobachter allein schon durch seine ungewöhnliche Reduktion, so übte die weibliche Hauptperson auf der anderen Seite des großen Ozeans eine Welle der Faszination auf den Betrachter aus.

Das ewige Licht, das den untröstlichen Nicht-Heimkehren-Könner immer an das am gegenüberliegenden Ufer Trennend-Sein-Müssen erinnert, leuchtete so zaghaft, so unscheinbar, dass es bei der kleinsten, kaum spürbaren Veränderung der gewohnten Situation zu erlöschen drohte. Sogar den Beobachter zu der Vermutung hinreißen ließ, es wäre bereits nicht mehr als Leuchten erkennbar gewesen. Was er allerdings nicht wissen konnte, ist ein einfacher, schlichter Zusammenhang: Inwieweit Wein ein Flackern in den Augen, ähnlich eines Leuchtturmes, von Sekunde zu Sekunde verändern kann. Der Zuschauer dachte beim Verlassen des Cafés an das Ende vieler Märchen: Und wenn ich’s nicht selber erlebt hätte, möchte ich auf der Stelle sterben.

© Bernd Lange 2022-01-13

everydaystorys - alltagsgeschichtenLove-StoriesMenschenKlischeesReflexionenBegegnungen

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.