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Flaschenpost

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Flaschenpost | story.one

Der See?! Durchaus, er hat auch seine sehenswerten Seiten. Ich weiß, er hat sich bemüht, ohne Frage … und doch ist es ihm nicht gelungen, dem Meer das Wasser zu reichen. Am Ende meines Tages am See ziehe ich mein Resümee: Es sieht nach genug aus, was ich gesehen habe. Und auch, was ich gespürt habe – ein Zwiegespräch zwischen den Wellen auf dem See und meinen inneren Gefühlswogen fand keinen Zugang, keinen Anklang. Ein etwas ernüchternder Ausklang.

Meine letzten Minuten am Kai: Alles dümpelt vor sich hin, inklusive ich. Das Wasser am Ufer – sedimentgetrübt. Der Horizont verschwimmt im Dunst – eingetrübt. Das Bier vorhin, ok, ich wollte es so – naturtrüb. Dem See darf ich keinen Vorwurf machen, er hat mithilfe tourismusfördernder Kräfte gewiss sein Bestes gegeben. Rings um ihn gibt es viel zu schauen, doch es bleibt oberflächlich – es fehlt an Weite, an Tiefe, an Größe … und auch mit seiner Nähe hält er sich zurück. Dem Ambiente kreide ich ebenfalls nichts an, dem Wasser, dem Wind, den Wolken, dem Wetter, den Wellen, den Wundern der Natur – die Kraft der Elemente hat nicht die Energie, sich voll und ganz zu verausgaben. Genauso wenig werde ich das Gastronomische verantwortlich machen – ich darf nicht erwarten, dass ein gutbürgerliches Wirtshaus, das sich der regionalen Küche befleißigt, mit Meersalzwasser kocht und womöglich noch mit unverfälschten Gewürzen der Macchia veredelt … Den See vor Augen, das Meer in den Augen – ein Einklang kommt nicht zustande.

Wochen später dann – meine Sehnsucht nach See hatte sich inzwischen in Myriaden von Entengrützen verhakt –, dass ich aus dem Netz, also dem Internet – einen kleinen Presseartikel fische. Darin steht sinngemäß, dass ein Fischer, der in einem Seitenarm des Rheins flussaufwärts von Bonn Höhe der Sieg-Mündung in seinem Boot seiner ursächlichen Beschäftigung nachging (wahrscheinlich eher nachhing), einen ungewöhnlichen Fang machte. Er fischte aus seinem Netz, also einem Fischernetz, eine Flaschenpost. Der “Umschlag”: eine handelsübliche Weinflasche, 0,7 Ltr., grünliches Glas, mit Plastikkorken wasserdicht verschlossen, ohne Adressangabe und Briefmarke. Der Inhalt: ein eingerollter Briefbogen, darauf stand – ich zitiere:

»Mein geliebtes Meer, meine Sehnsucht nach der Ruhe in Dir darf ich dieses Jahr nicht in Deinen Wellen stillen. Sei nicht gram, vielleicht tut es Dir ja mal richtig gut, für Dich alleine, nur mit Deinen ständigen Begleitern, den Fischen, zu schaukeln. Abseits von all den anderen zweibeinigen Lebewesen, die ja nur wenig Rücksicht auf Deine Bedürfnisse nach Muße und Träumen und Wellenschaukeln nehmen. Erlebe Dich, ich wünsche es Dir von Herzen, Dein treuer Freund und stiller Genießer«.

Würdiger hätte ich den Brief auch nicht schreiben können – im Gegenteil, er wäre wahrscheinlich überbordend andächtiger ausgefallen. Einzig der Zusatz »Ich vermisse Dich«, den hätte ich noch als fulminanten Glanzpunkt gesetzt.

A presto di nuovo … mare, te lo prometto.

© Bernd Lange 2020-11-24

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