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#freundschaft#leidenschaft#vivaitalia

Im unsichtbaren Spiegel

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Im unsichtbaren Spiegel | story.one

Mit einer eigenartigen Mischung aus trauriger Ohnmacht und leichtfertigem Vertrauen packte er seinen Koffer und fuhr in Richtung SĂŒden. Das war vor vierzehn Jahren, zweiundfĂŒnfzig war er damals. Marta sollte Robert Faust retten. Der kleine Ort Marta, ohne h, am Ufer des Lago di Bolsena nördlich von Rom.

Seine Martha, die mit h, hatte ihn kurz zuvor verlassen. Von heute auf morgen. Das einzige, was sie Robert sichtbar hinterließ, war der Zettel mit den zittrig geschriebenen Worten "Leb wohl. Und mehr GlĂŒck ohne mich, M." Es war in der BlĂŒtezeit seines Lebens, von der Robert dachte, sie - die Zeit - öffnet ihm das Herz, in dem sie - die BlĂŒte - sich ihm öffnet. An diese BlĂŒte glaubte er allerdings schon von Jugend an, mehr als zwanzig Jahre, vergebens, sie ging nie auf. Bis Martha, seine Frau, auch nicht mehr daran glaubte, und sie aus seinem Leben verschwand.

Seit vierzehn Jahren lebt Robert nun schon in Marta, ohne Martha, doch in stĂ€ndiger Erinnerung an sie. In dem kleinen, vertrĂ€umten Ort, in dem er durch einen nicht zu erklĂ€renden Zufall hĂ€ngenblieb, fand er Stille und Inspiration. Robert konnte sich nach und nach an UrsprĂŒnglichem und Sensiblem erfreuen. Mit der Ruhe, mit der Abgeschiedenheit, mit der RĂŒckbesinnung an UrsprĂŒnglichem spĂŒrte er die Kraft, die er zeitlebens nicht gefunden hatte. Es waren die letzten Worte, die handschriftlichen seiner Frau, die Robert die SensibilitĂ€t gaben, hinzuhören, wenn Gedanken und Worte keinen Sinn mehr gaben und ergaben. Die Worte seiner Frau, die er immer noch liebte und ohne die er, ohne je wieder ein Zeichen von ihr gehört oder gelesen zu haben, sein GlĂŒck gefunden hat.

Seine Ausstellung in der Galleria dell’Arte Moderno in Rom vor vier Monaten war der Durchbruch. Unter der Überschrift "Mormorio d‘autunno" war im Kulturteil der angesehensten Tageszeitung Roms einige Tage spĂ€ter unter anderem zu lesen, "Robert Faust konnte sich im ehrwĂŒrdigen Alter von 66 Jahren endlich seinen grĂ¶ĂŸten Wunschtraum erfĂŒllen ... Die erste Ausstellung zeigt Bilder aus seiner Schaffenskraft, die er am Lago di Bolsena gefunden hat. In der OberflĂ€che des Sees sieht er immer ein Spiegelbild seiner verlassenen Heimat in Deutschland ... Der narrative Stil seiner Bilder bringt das zum Ausdruck, wie es der Galerist Umberto Locchi in seiner EröffnungsmatinĂ©e letzten Sonntag treffend charakterisierte, was Robert Faust jahrzehntelang vergeblich suchte und dann endlich in seinem kleinen Atelier am Lago di Bolsena reifen konnte. Locchi wortwörtlich: AnlĂ€sslich einer meiner wenigen Besuche in seinem fast schon klösterlich spartanischen Atelier erwĂ€hnte Robert Faust einmal, dass das, was andere in seinen Bildern zu erkennen glauben, er aus seiner abgeschiedenen Stille heraushört."

Ich treffe Robert versunken an seiner Staffelei in seinem verwunschenen, verwilderten Garten direkt am Wasser. Ich spĂŒre es mehr, als dass ich es sehe, seine Bilder erzĂ€hlen das Unsichtbare im Sichtbaren.

© Bernd Lange 2020-07-05

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