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In Fels gemeißelt

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In Fels gemeißelt | story.one

Dass es so gekommen ist, ließ sich aus meinem anfänglichen Lebensentwurf nicht ablesen. Meine Liebe zum Meer und meine Leidenschaft, das Gesamtwerk Ernest Hemingways zu lesen, wurden mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Obwohl ich bereits im zarten Kindesalter jährlich mit dem Meer in Berührung kam, blieben mir unendliche große Sandspielplätze und Wasserplanschbecken in wehmütiger Erinnerung zurück. Lesen konnte ich noch nicht, weder Bücher, noch Spuren im Sand oder Worte, die auf den Wellen schaukelten. Und später dann, in den Jahren meiner Adoleszenz, bereiteten mir das Meer unruhige Tage am Strand und das Lesen schlaflose Nächte unter der Bettdecke. Dazu kam, dass ich mit den Jahren nur noch Fachbücher aufgeschlagen hatte.

Das Meer rauschte in unerreichbarer Ferne, die Literatur geriet ins Abseits − beides hinter meinem Wahrnehmungshorizont. Dabei interessierte mich nicht die Bohne, nicht mal die blaue, dass sich ein Nobelpreisträger die Kugel gab. Und Filme eines Jacques Cousteau, der das Leben in den unergründlichen Tiefen des Meeres an Tageslicht holte, ließen mich vollkommen nasskalt.

Ich musste 40 werden, dass Meer und Lesen von Belang wurden − und dann noch im Zusammenspiel: Lesen am Meer. Vier zeitnahe Zufälle, die sich miteinander in Netzen verfingen, brachten eine Welle ins Rollen.

Aus einer Zigarrenkiste, aus dem Nachlass meines Vaters, fischte ich ein Foto, das ihn im Alter von 23 Jahren an die Reling eines Schiffes gelehnt zeigte. Hinten standen handschriftlich das Datum und ›Überfahrt nach Elba‹ … mehr aus einer Laune heraus führte mich meine nächste Urlaubsreise auf die Insel.

In einer zum Appartamento umgebauten Fischerhütte fand ich auf Meereshöhe eine Bleibe. Aus einem kleinen Bücherregal, dem Nachlass vormaliger Gäste, fiel mir ein Buch in die Hände − es bestach durch seine dünne Dicke, hinter der sich 124 Seiten verbargen. Ideal zum Lesen am Strand … dass es Hemingways ›Der alte Mann und das Meer‹ war, hatte mir zu denken gegeben − mit meinen 40 Jahren. Ich gab mir die Zuversicht, dass die Zeit, die ich am Meer verbringe, dehnbar ist.

Mit dem Buch in der Hand machte ich mich auf zum Strand, lässige hundert Schritte zu einem Felsen, an dem ich lehnte … las eine lakonische Prosa, eine Erzählung, die vieles weglässt und dabei nichts auslässt, schaute und hörte auf die Fülle des Meeres, die alle Gedanken zulässt, es dabei jedoch nicht belässt.

Ein Schatten fiel über das Buch. Da stand er, der alte Fischer, der mich vorhin zu seinem Appartamento führte, das ich dort bewohnte. Ob er sich zu mir setzen darf, da sitzt er fast jeden Tag, zum Fischen auf hoher See ist er zu alt, und hier kann er jetzt angeln, ohne dass jemals ein Fisch anbeißt − die Fische sind meine Freunde, sagte er … wozu dann die Angel, fragte ich. Er braucht doch etwas zum Festhalten, lachte er.

Mehr brauchte es nicht. ›So schreiben können, bis sich die Worte von den Gedanken lösen‹, schrieb ich damals in das Buch. Ich hatte es als Souvenir mitgenommen.

© Bernd Lange 2021-11-22

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