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#fremdewelten#vivaitalia

»La Tempesta di Mare«, unvollendet

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»La Tempesta di Mare«, unvollendet | story.one

𝟥. 𝖲𝗓𝖾𝗇𝖾

❪ Strand ・ Ein Fremder, ein Hund ・ Die Sonne hat sich bereits vor vielen Stunden hinter dem Meer versteckt ・Der Mann öffnet langsam, ganz langsam seine Augen ・Er schaut dem Hund nach, den die Dunkelheit der Nacht langsam, ganz langsam verschluckt ・Stimme aus dem Off: ›Wieso hat mich dieser Mensch verstanden?‹ ❫

Der Abend, schon lange vom wieder schlanker werdenden Mond beleuchtet, kühlt sich langsam ab, der nasse Dunst der Nacht über dem Meer legt sich auf den Sand, überlagert den feuchten Geruch von Asche, von verkohlten Holzresten. Die Zikaden, so scheint es, wollen mir eine Serenade halten – in den Pinien hinter mir zerrt es wie aus einem Grammophon, dessen Nadel bei jeder Umdrehung der Schellackplatte hängenbleibt. Der warme Sturm findet keine Ruhe.

𝟣. 𝖲𝗓𝖾𝗇𝖾

❪ Kleine Piazza ・ In der Mitte ein Brunnen, überdacht von umsäumenden Kastanienbäumen ・ Im Hintergrund eine Hausfassade, im 1. Stock ein geöffnetes Fenster ❫

Mit gähnenden Schritten nähere ich mich dem Brunnen. Seine Fontäne, träge wie ich – ein lustloses Tröpfeln plätschert belanglos ins runde Becken. Ein hitziger Wind bläst durch das Geäst der Kastanien – das gleißende Sonnenlicht moduliert ständig neue Farbkompositionen auf das zittrige Blattwerk. Immer mehr Blätter nehmen die aufbrausenden Böen mit auf ihre Reise durch verschlafene Gassen.

Ich liege, Hände unter meinem Kopf, auf dem Mauerrand des Brunnens, lausche im sonnenfleckigen Schatten der Kastanie dem kraftlosen Plätschern neben mir – eine eintönige Melodie im seichten Wellengang meiner Gedanken, die der Wind davonträgt.

Plötzlich Geigen. Ein Furioso: Antonio Salieri, La Tempesta di Mare, Ouvertüre zur Oper Cesare in Farmacusa. Die Bögen ächzen über die Saiten, werden in die Strudel der stürmischen See hineingerissen. Francis Beaufort hatte recht: Windstärke 10, der Sturm bringt das Meer ins Rollen, die Wellenberge schäumen wild.

Ein Knall, das Fenster schlägt zu, erschrocken springe ich auf. Schiffbruch im Traumbild, untergegangen im tosenden Gedankenmeer.

Ein Hund trödelt auf mich zu, auf seiner linken Spur melancholisch humpelnd. Rastadog, ein gestrandeter Freigeist. Unter seinen Dreadlocks unergründliche Augen, links tiefmeerblau versunken, rechts algengrün verschlungen. In meinen hohlen Händen fange ich Tropfen aus der Fontäne, dankbar leckt er das erfrischende Wasser.

𝟤. 𝖲𝗓𝖾𝗇𝖾

❪ Kleine Bucht neben Strand ・Im Hintergrund verfaulte Reste einer Fischerhütte ・Seitlich davor ein Fischerboot, daneben ein Tisch, zwei Stühle ・Der Fremde sitzt am Tisch, der Hund liegt geduckt im Schatten des Fischerbootes ❫

Windschief, die wackligen Beine im grobkörnigen Sand zwischen verwirrtem, glattpoliertem Gestein, wartet der verwitterte Holztisch auf den Mond. Rastlose, gischtige Windböen rütteln an den Worten auf den feuchten Seiten meines roten Moleskine.

Die 2. Szene werde ich morgen früh bei Sonnenaufgang vollenden. Uraufführung meiner Gedanken …

© Bernd Lange 2021-01-18

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