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Leidenschaft, die Blüten treibt

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Leidenschaft, die Blüten treibt | story.one

An einen Vorsatz, den ich mir weiland jungjährig in einer Silvesternacht vornahm, habe ich mich lange Zeit gehalten. Das Sammeln von irgendwelchen Dingen kam mir nicht in die Tüte. Ein Unding. Dass es irgendwann doch zu einem Ding wurde, war Beruf und Berufung geschuldet: Ich fühlte mich verpflichtet, Worte zu sammeln. Ja, es wurde notwendig, diese Undinge zu sammeln – die Nischen in meinem Kopf drohten, überzuquellen. Worte und Wortgefüge sammelten sich im Laufe der Zeit an, füllten ein Notizbuch nach dem anderen. Zugeklappt füllten sie Regale. Nur, das Gesammelte schlummerte im Dunkel zusammengepresster Seiten ein Dornröschen-Dasein. Bis eines Tages die Muse kam und sie, die Worte, wachküsste. Nun hängen die wertvollsten eingerahmt hinter Glas lebendig im Rampenlicht an meinen buchstäblichen vier Wänden.

Doch damit war es nicht genug meiner wachgeküssten Sammelleidenschaft von undinglichen Dingen, sie wurde noch kurioser. Ein leichtes Kopfschütteln raunte durch den Kreis derjenigen, die dies mitbekommen hatten, was ich tat – und immer noch tue: Ich sammle Erste Sätze. Auslöser für die zugegeben recht seltsame Anwandlung gab ein erschienener Artikel, der mir zufällig auf den Schreibtisch flatterte. 2007 war das. Darin hieß es u. a: »Günter Grass hat nach Ansicht einer Prominenten-Jury den schönsten ersten Satz in der deutschsprachigen Literatur geschrieben«.

Auch ich schüttelte zunächst leicht den Kopf, und doch erwärmte ich mich schnell an der Idee, Erste Sätze aus meinen gelesenen Romanen zu sammeln. Mehr noch, ich war heiß drauf. Den Anfang machte natürlich Grass’ »Ilsebill salzte nach« – wenn man so will, die Blaue Mauritius der Literatur. Aus meiner Sammlung wurde bald eine Bewertungssystematik – natürlich nach meinem Gusto und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Wie auch?! In allen bisher erschienenen Büchern den ersten Satz zu lesen … unmöglich. Beweise dafür, wie bereits ein Erster Satz bspw. eine ganze Geschichte erzählen kann:

»Der Irrsinn einer herbstlichen Prärie-Kaltfront, näher kommend«;

»Körperflüssigkeiten wurden keine ausgetauscht bei der ersten Verabredung, und das war uns beiden nur recht«.

Oder der aus drei Worten, bei denen man sofort alle lesen möchte:

»Was ist das.« – ohne Fragezeichen, ohne Ausrufezeichen, mit schlichtem Punkt.

Sehr anregend sehe ich auch so belanglose Einstiege, die mich anfetten, sofort weiterzulesen:

»Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen«;

»Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues«.

Und der ist natürlich der Hammer, fühle ich mich doch gleich ertappt:

»Die Geschichte beginnt genau genommen damit, dass ich keinen Anfang finden konnte«.

Bei aller Liebe zum Wort kann ich jetzt allerdings nicht erwarten, dass ich Tauschpartner*innen finde. Damit kann ich leben. Einen Ersten Satz wie diesen »Es klingelte an der Tür, und im Treppenhaus roch es nach frisch gebrühtem Kaffee« werde ich mein Lebtag nicht tauschen wollen.

© Bernd Lange 2021-01-02

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