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#reflexionen

Mein Dasein im Sosein

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Mein Dasein im Sosein | story.one

Reflexionen finden auf einem Blatt Papier statt – inzwischen auf unzählig vielen, zusammengeknüllt neben meinen Füßen. Die Lust zu schreiben … um den Schwebezustand beflügelnder Geflechte zu verlängern, um Strömungen nicht aufhalten zu wollen – der immerwährende Wunsch, sich von Wogen tragen zu lassen, um jeden einzelnen Moment zu bewahren. Die Last zu schreiben … sie wurde es, in dem Bewusstsein, die Strömungen nicht festhalten zu können.

Meine Begegnungen mit dem Meer, die geglückt sind – frei von Erwartungen, frei von Verlangen, frei vom Bedürftigen –, sie schenkten mir mein geduldiges Gefühl, in der Zeit zu bleiben, nicht über sie hinweg zu schweben. Zu spüren, dass mein Denken, gebremst von Vergangenem, sich öffnet, vom ständigen Wind ins Unendliche verweht. Zu fühlen, das Meer mit liebevoll sonnenbetupften Empfindungen umarmen zu können. Mit jeder Begegnung wuchs mein Wahrnehmen, jede Welle, jede Bewegung, jeden Wandel, jede Faser im Blau des Meeres in mich aufzunehmen, sie anzunehmen – einfach so, weil nur so das Leben im Sein ist. Im Sein sein, bei sich bleiben, das Maß des Momentes aufsaugen – sich den Strömungen, den Strudeln, den Schwingungen, den Schwankungen überlassen. Dem Fließen des Wassers zu folgen und zu erleben, dass alles unbegreiflich ist …

Erfahrungen, Vergangenheiten im Sand ablegen – viele beschattet, manche besonnt. Doch es war nicht möglich, die Umrisse meiner Füße in den Sand zu zeichnen. Alles ist fließend, spürte ich, genau an der Stelle, wo mein Sein unaufhaltbar im Meer versank – von den Wellen mitgerissen wurde. Das Meer in seiner vollendeten Unberechenbarkeit: Die Auflösung meines inneren Bewusstseins geschah in einem Raum von unendlicher Weite und unergründlicher Tiefe. Wellen der Verwirrung stürzten auf mich ein, ein gewaltiges Tosen überschwemmte meine Sinne.

Den wahrgenommenen, den angenommenen Gefühlen mit seinen eigenen entgegenzuschwimmen. Welle für Welle, Windwurf für Windwurf, zum Horizont. Dort, wo das Blau des Himmels mit dem Blau des Wassers ineinander verschmelzen. Um die Schwelle zum Verstehen zu überschreiten. Du spürst dich in Bewegungen, bei denen dir dein selbst auferlegter Halt entzogen wird. Die Erkundung der Unermesslichkeit entfaltet dein eigenes Inneres in ein anderes äußeres Inneres, um sich seiner Einsamkeit, sich seiner Verlassenheit zu entledigen.

Eine Wiederholung ist nicht möglich! Ein einziger Atemzug hat gereicht, um zu erkennen, das Meer ist nicht zu greifen. Du erlebst das eigene Unvermögen, eingerahmt in dieser Reflexion: Das Meer lässt sich nicht verstehen! Du kannst es noch so lieben, es bleibt bei sich …

Jetzt, in der Distanz zur fehlenden Nähe, in der endlosen Ferne … in der Stille der Nacht, in der der Vollmond dem Himmel sein Blau entzieht, auf der mitternächtlichen Schwelle hier vor dem letzten Blatt Papier, erkennst du, dass deinem Sosein einzig die Worte folgen, die nicht in dir, die außerhalb von dir leben. Wortlos. Ortlos.

© Bernd Lange 2022-10-10

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