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novembrigsommerlich

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novembrigsommerlich | story.one

Ein Blick in den Kalender: heute ist der 12. November. Das Wetter ist anderer Ansicht. Kurzärmlig genieße ich die wärmende Mittagssonne, die mich aus einem makellosen Griechischblau anlacht.

Ich sitze auf einer winkligen Steintreppe, die ein Stück hoch in die Weinberge führt. Die Fugen zwischen den einzelnen Steinen sind zugewachsen. Immer noch grün strecken sich unermüdlich gedeihende Pflänzchen der Sonne entgegen, manche blühen noch. Ich habe es mir gemütlich gemacht, meinen Rücken an die seitlich hochragende Steinmauer gelehnt, die Füße auf den kleinen Absatz ausgestreckt.

Ein Schmetterling spielt mit dem leichten Wind, er tanzt eine kleine Polka, nicht ganz im Takt, taumelnd findet er meine Schuhspitze als Landeplatz. Vermutlich ist er genau so irritiert wie ich, noch im Freien zu sitzen. Nicht lange und er will weiter – als mag er noch erkunden, was ihm die grüne, die gelbe, die bunte Natur offenbart. Auf den Stufen vor mir findet farbenfrohes Sommertreiben statt. Aus den Fugen, in denen immer noch Blumen, Gräser, Kräuter wuchern, krabbeln Ameisen, mit abrupten Bewegungen auf der Suche nach Tragbarem. Käfer laufen sehr viel gelassener über die erwärmten Steinplatten, stolpern trunken über einen kleinen Zweig, fallen von einem der schon vertrockneten Weinblätter, rappeln sich auf, um eine Spur schneller ihr nächstes Ziel, das jedoch nicht auszumachen ist, anzusteuern. Plump stürzt eine fette Fliege auf ein Erdbeerblatt, das sich durch den ungewohnten Aufprall weit vornüberbeugen muss. Wesentlich zartere Fluglebewesen weilen eine Zeitlang da auf einem Grashalm, dort auf einem Moospolster, mal auf einer Efeuwurzel, die sich ihren Weg durch die Fugen und Ritzen zwischen den Steinen sucht, dann wieder ruht sich ein kleiner Gast auf einer strahlend gelben Blume aus. Ein Vielfüßler bahnt sich seinen Weg durch das unordentliche Gelände, man muss schon sehr genau hinlauschen, um sein rhythmisches Paradieren herauszuhören.

Und dann erscheint er wieder, der weiße Schmetterling, vielleicht wirklich der gleiche Bote, der mir vorhin schon seinen zarten Fußgruß zukommen ließ, er peilt unkontrolliert seinen Landeplatz an, um sich, wahrscheinlich für ihn selbst überraschend, im Sturzflug auf das Blatt eines Heckenröschens, deren einzige Hagebutte einen virtuosen Kontrast zum grauen Stein bildet, fallen zu lassen. Zusammen mit seinem hellen Weiß bilden die grünen Blätter der Rose, die knallrotgelbe Frucht und das Grau der Treppe eine Farbkomposition, die auch die Meister des Impressionismus verzaubert hätte. Fasziniert betrachte ich ein Bild, das die Natur nicht hätte besser arrangieren können, bis mich meine Gedanken wieder einholen und daran erinnern, wo ich bin. Der Schmetterling, unruhig, wie er sich in diesem Stadium seines Lebens nach dem Dasein als Raupe bewegt, torkelt weiter.

Mein Blick auf die Reben beflügelt mich, dass ich mich wie ein guter Wein fühle, dem die richtige Reife zuteil wurde.

© Bernd Lange 2020-11-30

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