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#fremdewelten#emotionengedankenundträume

Oued al Aoub – Fluss der Liebe

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Oued al Aoub – Fluss der Liebe | story.one

Das Wasser umspült deine sandig glitzernden Füße. Es ist das gleiche Meer wie überall. Vielleicht ein wenig offener, euphonischer. Die Melodie der Wellen spielt nach anderen Noten, freier, ein Klanggebilde, improvisiert nach Gefühl. Karibische Vibrationen durchströmen dich.

Im zuckerweißen Sand liegen, dem Wellenrausch zuhören und Wolkenfetzen beobachten. Himmel und Meer im Blau eines Reggaerhythmus … Und wenn du die klischeehaften Fiktionen einer einfallslosen Wolkenschaufelei beiseite schiebst, erscheint dir die Vollkommenheit zwischen dem Wendekreis des Krebses und dem Äquator: Guadeloupe – Oued al Aoub, Fluss der Liebe. Er fließt durch deinen Körper. Du spürst sie, die Sehnsucht, die in dir einkehrt – zaghaft, als hättest du sie nur ausgeliehen.

Und dann ist es der fallende Himmel über dem Archipel der Inseln über dem Winde, der mit dem karibischen Meer einen vollendeten Tanz aufführt. Kurz ein aufwühlender Pas de Deux, abgelöst von einer tropischen Sintflut aus dem Nichts – ein wirbelnder Orkan legt sich leidenschaftlich über das tosende Meer, Wellen schreien dich an. Zügellos brandende Gischt vermischt sich mit einem Wolkenbruch zu einer abgrundtiefen Wasserschlacht. Trommelregen auf Blechdächer – Stomp »Water Drummers«*.

Dann donnernder Applaus … und so schnell dich das Inferno verschlungen hat, so schnell hält sich die Sonne wieder an ihren Teil des gegenseitigen Versprechens. Sofort wechselt das Meer seine Farben, wenn der fast stille Wind den Faltenwurf der Wellen von Augenblick zu Augenblick neu legt. Der frisch geputzte Himmel spiegelt sich in den schaukelnden Wellen. Mitunter bringt dich der Zauber ganz schön durcheinander, blendet dich mit seinen irisierenden Farben – immer dann, wenn das Meer die Farbe des Himmels annimmt.

Der untergehende Mond sichelt durch weiße, sich ständig verändernde Wolkengebilde. Sie projizieren immer wieder neue Bilder auf die himmelblaue Leinwand, flatternde Fahnen im Fahrtwind auf der Reise ins Überall. Und wenn Himmel und Meer dabei ihre Zufälle neu komponieren, bewegt sich der Horizont. Später fällt der rote Ball einer prallen Sonne entspannt wieder auf das Meer, um dann von einer Minute zur anderen verschämt darin zu ertrinken. Du springst hinterher in die Fluten, das Salz des Schweißes mit dem Salz des Meeres zu löschen.

Im Dunkel der Nacht kommt das Meer zur Ruhe, zieht sich entspannt zurück, wird abgelöst von der ohrenbetäubenden Kakophonie eines nicht enden wollenden Flashmobs. Ohne Pause probt im nächtlichen Blitzlichtfeuer der Sterne in der Arena des tiefschwarzen Urwalds ein vielstimmiger Chor eigenwillig interpretierte Kompositionen, begleitet von einem tierisch infernalen Orchester. Bis sich mit Sonnenaufgang das Meer wieder auf die Bühne wagt und virtuos die Solistenrolle übernimmt.

Und du spürst das sanfte Prickeln, wenn sich dein Geflecht der Wahrnehmungen zu vitalen Gefühlen verdichtet, glücklich ineinander verwoben.

© Bernd Lange 2021-04-08

fremdeweltenReif für die InselPOESIE eines Moments

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