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#1sommer1buch#leidenschaft#vivaitalia

Piazza dell'Immaginazione

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Piazza dell'Immaginazione | story.one

Auf den Blättern, die im schon heißen Wind zittern, leuchtet Maisonne, die aus einem wolkenlosem Himmel fällt. Vor mir, auf dem Tisch, eine leere Tasse, ein Glas mit Mineralwasser. Ich nehme das Glas in die Hand, lasse das Wasser darin kreisen. Luftbläschen fangen an zu strudeln, zu quirlen, verdichten sich auf ihrem inneren Drang nach oben zu einer Pirouette. Ein Aufbrausen, ein Wirbel tanzt, ein irisierendes Spektrum wie bei einem Regenbogen ...

Mein Auge ist geblendet von der Fülle der Farben, die menschenleere Piazza verschwimmt. Die kleine Kirche mit dem leicht geneigten Turm, dessen Uhr schon seit Jahren die Zeit zu vergessen scheint, die schmalen, eng geduckten Häuser mit den Pflanzentöpfen neben der Tür, die Bänke unter den Schatten spendenden Platanen, der Marktstand mit dem leuchtend bunten Obst und Gemüse, die Bar mit ihren runden Tischen, ihren Stühlen und Sonnenschirmen davor, verschwimmen zu einem kaleidoskopischen Strom von Traumbildern.

Ich lasse mich forttragen, fort von der Piazza, fort aus der unerträglichen Hitze des Mittags. Hinaus aufs weite Meer, das flaschengrün ist und von einer leichten Brise sanft bewegt wird. Zu dem blauen Fischerboot in der trägen Strömung. Zu dem Fischer, mit den Bartstoppeln in seinem sonnengegerbten Gesicht, der die Finger seiner rechten Hand durchs Wasser gleiten lässt. Im Boot die Kiste mit der mageren Ausbeute von Meeresgetier und die Korbflasche mit Wasser, das schal schmeckt und nach Eisen. Ich erlebe das Aufblitzen heller Fische, ihrer glänzenden Schuppen im Rumpf.

Es geht auf den späten Nachmittag zu, der Wind frischt auf. Zeit, das Segel zu setzen, um vor Einbruch der Dunkelheit den Hafen zu erreichen. Doch der Fischer überlässt sein Boot der Strömung, die es weiter abtreibt, die es in weitem Bogen auf einen Punkt in der Ferne zusteuert. Er zieht weiterhin wahllose Linien durchs Wasser, vielleicht auch Buchstaben, Symbole, kurzlebige Zeichen, oder Wörter, Sätze, Geschichten, die niemand lesen wird ...

Das Aufbrausen im Wasserglas hat aufgehört, das Wasser ist warm, ebenfalls schal geworden, schmeckt nach Eisen. Am Boden des Glases hält sich hartnäckig eine einsame Luftblase, sie klammert sich zäh am glatten Grund, scheint ihrem vorhergesehenen Schicksal zu widerstehen. Trübe, bis ein verirrter Sonnenstrahl sich in ihr fängt. Ein winziger strahlender Punkt, der stillzustehen scheint. In dem sich die jetzt von Menschen pulsierende Piazza widerspiegelt. Die lärmenden Geschäfte und Läden unter den bunten Markisen, das stoische Denkmal in der Mitte des Platzes, der tiefblaue Himmel, das blassgrüne Meer.

Ein leichtes Klopfen ans Glas reißt sie los, die übrig gebliebene Luftblase, träge steigt sie nach oben. Vor mir auf dem runden Tisch vor der kleinen Bar, steht in der inzwischen luftigen Brise vom Meer ein halbvolles Glas mit Wasser, auf dessen Wasserspiegel eine Luftblase zerplatzt - zerplatzt mit einem Laut, den niemand hört. Und keiner versteht.

© Bernd Lange 2020-10-11

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