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Sahneschnittchen

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Sahneschnittchen | story.one

Im matten Scheinwerferglanz einer Belle Epoque Hängeleuchte, da sitzen sie, die beiden Damen – so als säßen sie schon immer hier. Wer draußen an dem einladenden Schaufenster vorbeigeht, glaubt an ausgestellte Modepuppen, die zum Einkaufsbummel ins Café einladen – durchgestylt, passend zum Interieur aus einer vergangenen Epoche herübergerettet.

Vor ihnen, auf dem runden Tisch, die Füße verraten filigranes Eisengestell, die Platte ein Ornament aus farbenfrohen Mosaiksteinen, warten seit geraumer Zeit zwei Milchkaffee unberührt auf ihre Bestimmung. Einzig vor einer guten Stunde, als sie dampfend heiß serviert wurden, kam es zu einer kurzen Bewegung im Glas – der eingestreute Zucker hatte sich bedächtig durch die braunweißmelierte Flüssigkeit nach unten abgesetzt und in dickflüssigen Sirup verwandelt. Im Gegensatz dazu erlebten die Kuchentörtchen unter der üppigen Sahnehaube die Ambiance des süßen Nichtstuns am Tisch nicht mehr; die fetten Prachtschnittchen waren schnell einverleibt. Während der Kaffee erkaltet auf dem Tisch ruht, reden sich die dazugehörigen Damen heiß, heftig gestikulierend – mit gedämpfter Stimme zwar, um unbefugten Ohren das Lauschen zu verweigern. Bis er verstummt, der geheimnisgeschwängerte Austausch; die Damen bieten ein Bild der Erschöpfung.

Die optisch Betagtere bemüht die Toilette. Es ist ihr anzusehen, die öffentlichen Hautpartien bedürfen eines neuen Anstrichs. Derweil zückt die Sitzengebliebene aus ihrem Handköfferchen nützliches Werkzeug, das der Renovierung von Fassaden dient. Beim Blick über den ausklappbaren Spiegel legt sich plötzlich ein Schatten, ein verrutschter Lidstrich im erstarrten Gesicht.

Sie ahnt, jetzt heißt es Contenance der Dinstinktion zu wahren. Ein im Auftreten dem Stil des Hauses angepasster Herr, Typ Frauenflüsterer, korrekt gekleidet, auch wenn die Schurwolle an einigen Stellen nicht mehr ganz so rein ist, positioniert sich in Haltungsnote 6.0 vor die Dame.

- Küss die Hand, gnä’ Frau.

- Welche? Ihre? Warum sollte ich?

- Nein, gnä’ Frau! Ich musste Sie einfach ansprechen.

- Wie bitte!

- Na ja, das sagt man hier so.

- So?

- Ja! Äh …

- Also, jetzt hören Sie mir mal gut zu: Erstens bin ich keine gnä' Frau. Zweitens finde ich langweilig, mir die Hand zu küssen …

- Oh, gerne auch einen Kuss auf die Schulter, ins Gesicht, auf den Mund … wo immer Sie begehren.

- … Und drittens: Wenn Sie zu der Sorte Mensch gehören, die das sagt, was man hier so sagt, dann passt das zu Ihnen …

- ?

- … obwohl Sie überhaupt nicht hier herpassen.

- Und wo würde ich Ihrer Meinung nach hinpassen?

- Ins Barock.

Es ist seiner jetzigen Haltung anzusehen, dass dem Herrn, der der nichtgnä' Frau einen Handkuss verpassen wollte, diese Antwort ganz und gar nicht passt.

Die Gäste wissen, dass sie hier nicht nur exzellenten Kaffee und Kuchen serviert bekommen, auch die gängigen Klischees in einem Café dieser Provenienz werden wunderbar bedient. Und: Jeder kriegt sein Fett ab, nicht nur die Törtchen.

© Bernd Lange 2021-01-27

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