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Sammlung, handverlesen

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Sammlung, handverlesen | story.one

Die Evolution und ihre Auswirkungen bis heute: Gemeinhin wird immer noch unterstellt, dass der männlichen Spezies die Jäger und Sammler zugeordnet werden. Und damit passe ich wohl nicht ins Schema dieser Weltordnung, sozusagen nicht ins Beuteschema.

Ein Jäger war ich nie, und ein leidenschaftlicher Sammler schon gar nicht. Auch nicht als kleiner Junge – meine Gesammeltes dümpelte dahin. Klar, sammeln musste sein, wenn man dazugehören wollte: bunte Bilderserien mit Fußballspieler-Idolen, tierischen Comichelden, kämpfenden Rittersleuten, verwegenen Abenteuertarzans & Co. … doch die Alben, in denen die Serien s/w vorgedruckt waren, wurden nie voll – auch durch Tauschen nicht, weswegen man sie ja sammelte. Und sie gingen ins Taschengeld, das immer zu knapp bemessen war. Aus meiner Sammelleidenschaft wurde, um mithalten zu können, eine Sammelwut – wütend habe ich irgendwann alles in die Ecke geschmissen.

Es hat mich geprägt – Sammeln konnte mein Herz nicht erobern. Kein Philatelist, kein Numismatiker, kein Lepidop- oder Koleopterologe wurde aus mir. Ich fand nie Zugang zu pappigen Bierdeckeln; zu güldenen Urkunden; zu verstaubten Weinflaschen; zu knuddeligen Stofftierchen; zu einem im Maßstab 1:32 modellierten Fuhrpark; zu Schlümpfen oder Überraschungsei-Füllungen; zu Devotionalien, weder heiligen- noch scheinheiligenscheinende und schon gar nicht veteranenvaterlandsverteidigende … weder zu kleinen noch zu großen Dingen, die das Leben eines passionierten Jägers und Sammlers glücklich machen. Die irgendwo rumschlummern, verstauben, die geordnet abgelegt sind, in Vergessenheit geraten, die irgendwann mal von den Erben augenverdrehend dem Sperrmüll zugeordnet werden.

Nicht mein Ding – in mir brennt keine Sammelleidenschaft. Nicht ganz, muss ich gestehen. Es gibt doch eine, die mir ans Herz gewachsen ist – richtig besehen, ein Unding, was ich sammle. Nichts Dingliches, nein, es sind Worte, die ich agglomeriere.

Worte, die in meiner Wohnung an allen vier Wänden hängen, eingerahmt neben, über, unter, auf Fundstücken, Erinnerungsstücken wie Tüten, Schachteln, Strandgut oder Bildern, Zeichnungen, Drucken. Undinge, die nicht in Alben, Kartons, Schachteln, Schubladen, Regalen und Vitrinen vor sich hin träumen. Die auch nicht in Festplatten, inzwischen bei Sammlern begehrte Aufbewahrungsorte, weil platz- und raumsparend, eingemeißelt sind.

Ich kann verstehen, wenn mich bis hierhin niemand versteht. Eine „skurrile“ Leidenschaft, nicht wahr! Übrigens auch ein Wort aus meiner Sammlung. Ich mag das Wort – und auch, so zu sein.

Ich betrachte meine Wohnung nicht als Museum, als Galerie und schon gar nicht als Gedenkstätte. Ich habs mir darin eingerichtet – so, dass ich mich daheim wie überall zuhause fühle, Sammlung hin oder her. Erinnerungsworte als sichtbare Zeichen, wenn man so will. Ich wollte es so. Sie helfen mir, meine Erinnerungen lebendig zu halten. Wandschreiberei … quasi.

© Bernd Lange 2020-12-30

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