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#angst#bühnenleben#everydaystorys – alltagsgeschichten

Statisterie im Straßentheater

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Statisterie im Straßentheater | story.one

Es braucht lediglich eine Herde dahergelaufener Komparsen, und vor meinen Augen zeichnet sich ein choreografisch bizarres Schauspiel ab. Jeder einzelne Komparse führt sich auf, als wäre er der Hauptdarsteller, und doch ist er nur ein winziges Molekül in der Masse der Meute, eine Marionette an den Fäden seines Auftritts. Auf einer Bühne, auf der jeder für sich vor einer austauschbaren Kulisse sein taugenichtiges Spiel in Szene setzt. Für sie alle spielt es dabei keine Rolle, dass sie – auch austauschbar – die gleiche Rolle spielen. Sie merken es nicht einmal mehr, weil sie damit beschäftigt sind, nicht aus dem Rahmen zu fallen. Perfekte Idiosynkrasie ohne Drehbuch.

Statisten ohne Zugehörigkeitsunsicherheit … und ohne Regisseur: Sie spielen sich selbst in einem Orchester ohne Instrumente. Getriebene, von was auch immer. Makellos verkrampft, das Gesicht vor Mangel an Charakter geschminkt. Augen hinter zuckenden Lidern, als schaue man in einen blinden Spiegel. Die physische Erscheinung der Inbegriff eleganter Orientierungslosigkeit. Hektische, planlose Schritte, in einer starren Haltung, die signalisiert, dass der Körper bereits drei Schritte weiter ist als die Beine, die ihre Richtung noch nicht gefunden haben.

Darsteller, die glauben, genau zu wissen, wohin sie wollen; die den unüberschaubaren Anderen, die ebenfalls überzeugt sind, ihren Weg zu kennen, in die Quere kommen. In unkoordinierte Bewegungsabläufe trudeln, taumeln – die im Kopf ganz woanders sind und es ihren Füßen überlassen, wo sie hintreten, wohin sie austreten, zutreten, dazwischentreten; mit vehementer Unterstützung der Ellbogen, um nicht ins Stolpern zu fallen.

Man spürt sie förmlich, ihre Impulse, alles hinschmeißen zu wollen, alles, was sie in ihrem Kopf mit sich herumschleppen, wegschmeißen zu wollen. Die Getriebenen, die auf dem Weg sind, den sie schon aus den Augen verloren haben, ohne Ausweg. Die uniformiert im Gleichschritt hinter sich hertrampeln, einem Herdentrieb folgen, einem Weg zu folgen, der schon lang keiner mehr ist.

Höchste Zeit, den Bühnenvorhang für immer zu schließen. Und bei der ultimativ letzten Aufführung dieses allwochentäglich zur Rushhour morgens und abends ohne Dirigenten arrangierten Publikumstheaters auf der Straße allen Komparsen rechts und links gegen das Schienbein zu treten, statt bewundernd in die Hände zu klatschen.

Notabene:

Bei der Aufführung letzte Woche gab es eine aus dem Ruder laufende Programmänderung: Einer der Statisten – abgespeichert als Vollpfosten-Troll – sprang von der Bühne, um mich mit dem Klassiker zu begrüßen: ›Hi, wie geht’s?‹.

Meine Reaktion: ›Wenn ich nicht drüber nachdenke, dann geht’s!‹. Seinen Perplex-Reflex nutzte ich aus, um mich gleich wieder zu verabschieden: ›Tschüss, und gute Besserung!‹.

Kopfschüttelndes da: ›Hä, hab ich was von Schlechtgehen gesagt?‹. Grinsendes hier: ›Nö, das nicht … doch es gibt ja immer was Verbesserungsbedürftiges zu tun!‹.

© Bernd Lange 2021-01-12

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