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#vater#sohn#beziehung

Geschichten einer Zukunft

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Geschichten einer Zukunft | story.one

Ben (22), Wien - 27. April 2050, 07.50 Uhr

Zum zweiten Mal in seinem Leben betrat Ben ein Altenheim. Die grünen PVC-Böden aus seiner Kindheitserinnerung verschwanden in dem Moment aus seiner Vorstellung als er den hellen Holz-Kork-Boden im Eingangsbereich betrat. Durch die geöffneten Schiebetüren konnte er den blühenden Garten im Innenhof riechen. Es herrschte lebhaftes Treiben im Eingangsbereich. Er blieb hinter dem Eingang stehen und versuchte sich zu orientieren. Sein Blick traf sich mit dem einer grauhaarigen, zierlichen Frau in einem Rollstuhl, die in diesem Moment von ihrem Tablet auf und direkt zu ihm sah. Mit einem Lächeln winkte sie ihn zu sich und sagte schließlich, als er vor ihr zum stehen kam:

„Ben! Schön, dass du da bist! Hast du gut her gefunden?“„Ja, kein Problem“, antwortete er etwas verunsichert. Er blickte sich nochmals um, auf der Suche nach Angestellten.„Woher wissen sie denn, wer ich bin?“, fragte Ben.Die Frau drehte ihr Tablet um, auf dem sein Profil von der „Take Care“-Plattform zu sehen war: „Ich organisiere hier alles, was mit der Plattform zu tun hat. Ich heiße Louise! Gut, dass du pünktlich bist, es gibt viel zu tun. Komm!“

Mit einem kräftigen Stoß gegen die Räder ihres Rollstuhls rollte Louise in Richtung eines langen Ganges davon. Er hatte Mühe mit ihr Schritt zu halten. Als er sie eingeholt hatte, blieb sie plötzlich vor einer der zahlreichen Türen stehen und klopfte. Noch bevor Ben eine Frage stellen konnte, sagte sie im Wegrollen:„Hier wohnt Attila. Er wird dir alles zeigen.“

„Komm rein!“, hörte er eine Männerstimme hinter der Tür. Er sah nochmal den langen Gang entlang, doch Louise war bereits verschwunden. Zaghaft drückte er die Klinke nach unten und öffnete die Tür. Er fand keinen Raum vor sich, sondern eine ganze Wohnung. Nach einem kurzen Gang, von dem aus ein Badezimmer und ein Büro zu erreichen waren, öffnete sich ein großer Wohnbereich. An der Fensterfront gegenüber des Ganges stand ein großes Bett. Attila deutete ihm, sich einen Stuhl zu nehmen und sich neben ihn ans Bett zu setzen.

„Gut, dass du gleich zu mir gefunden hast“, begann Attila. „Heute ist Waschtag. Wir haben also jede Menge zu tun.“„Louise hat mich gleich... Wieso habe ich denn noch keine Angestellten... Entschuldigung! Waschtag?“, stotterte Ben vor sich hin.Attila sah ihn amüsiert an und Ben fasste, zum ersten Mal an diesem Tag, einen klaren Gedanken. Waschtag, dachte er. Das ist gut. Er sah sich schon Wäsche sortieren, Weichspüler dosieren und Bettlaken falten.

„Ja, Waschtag!“, bestätigte Attila. Wir werden die meiste Zeit in der Waschküche verbringen. Und am Abend werde ich selbst auch mal wieder ein Bad brauchen. Bei meinen vollen Tagen hier muss ich selbst das planen.“

Bevor Ben noch beginnen konnte, über das bevorstehende Bad nachzudenken, sagte Attila mit ausgestrecktem Arm: „Also, auf geht‘s! Du musst mir aus dem Bett helfen!“

Ben stand auf und ergriff Attilas überraschend stark zupackende Hand.

© Bernd Schmidl 2022-06-18

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