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#vater#sohn#beziehung

Geschichten einer Zukunft

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Geschichten einer Zukunft | story.one

Ben (22), Wien - 27. April 2050, 16.50 Uhr

Den langen Arbeitstag in der Wäscherei beendeten Ben und Attila bei einem kleinen Bier in dem von den BewohnerInnen geführten Kaffee. Nach dem Mittagessen hatte Ben zu verstehen begonnen, dass es im Heim zwar eine recht klare Aufgabentrennung gab, diese aber nicht zwischen BewohnerInnen und Angestellten, von denen einige selbst im Heim wohnten, verlief. Mittlerweile wohnten sogar einige Kinder von BewohnerInnen hier. Ben war sich nicht sicher, ob man das hier überhaupt noch ein „Heim“ nennen konnte und er wusste immer weniger wen er mit „BewohnerInnen“ überhaupt meinte.

Zum ersten mal an diesem Tag wirkte Attila auf Ben tatsächlich wie ein alter Mann. Nach dem langen Tag in der Wäscherei sackte Attila immer mehr in seinem Stuhl zusammen und als Ben ihm gerade noch geholfen hatte sich hinzusetzen, stützte er sich stärker an ihm auf als noch zuvor.

„Sag mal, Attila“, begann Ben, „wie alt bist du eigentlich? Wenn ich das fragen darf.“„Siebenundachtzig, mein Junge! Ich bin siebenundachtzig. Als die Mauer fiel hatte ich bereits zwei Kinder!“

„Die Mauer?“, fragte Ben.

„Ach, entschuldige! Du bist ja noch so jung. Die Berliner Mauer natürlich. Davon hast du sicher in der Schule gehört. Ost und West, DDR, Kommunismus, Kapitalismus, Kriege, Diktaturen und so weiter...“

„Ach, diese Mauer! Du bist ja tatsächlich ganz schön alt“, sagte Ben mit einem Lachen.

„Da hast du wohl recht, mein Junge!“, erwiderte Attila ebenfalls mit einem Lachen.

„Ich bin nicht einer der viel über die Vergangenheit nachdenkt“, setzte Attila fort, „aber wir sollten wissen was vor uns war, damit wir besser verstehen wieso wir sind wer wir sind. In meinem Leben habe ich gesehen wie Dinge entstehen und wieder verschwinden. Ich habe gesehen wie Menschen so arm wurden, obwohl sie immerzu arbeiteten bis es weltweit zu solch großen und beherzten Aufständen kam, dass den Regierungen nichts anderes übrig blieb, als ein Grundeinkommen einzuführen. Jetzt kann sich niemand mehr vorstellen wieso man überhaupt dafür kämpfen musste.“

„Ich kann mir das tatsächlich nicht vorstellen“, erwiderte Ben.

„Das musst du auch nicht. Sei dir nur klar, dass die Welt, in der wir jetzt leben, nicht immer so war. Viele Menschen mussten kämpfen und leiden und viele auch sterben. Wir haben für diese Welt gekämpft, damit wir uns eben nicht mehr damit beschäftigen müssen, wie etwas besser werden kann, sondern, dass wir es einfach besser machen können.“

„Aber genug von der Vergangenheit“, sagte Attila während er den letzten Schluck seines Bieres austrank und langsam begann sich aufzurichten.

Ben leerte auch sein Bier und half Attila aus seinem Stuhl. Am Weg zum Aufzug sagte Attila jetzt immer mĂĽder werdend:

„Was für ein Tag! Jetzt noch ein warmes Bad und dann ab mit mir!“

© Bernd Schmidl 2022-06-18

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