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Liebe - what the fuck do I know?

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Liebe - what the fuck do I know? | story.one

Ich bin unglücklich verliebt. Und dieser Satz stimmt schon nicht. Er stimmt, wenn ich denke, dass ich denjenigen, in den ich verliebt bin, „haben“ kann bzw. eben nicht „haben“ kann. Er stimmt nicht, wenn ich meine Liebe zu diesem Menschen als Hinweis für die Liebe selbst verstehe. Ich habe „er“ geschrieben. Es ist eine Frau aber das ist egal. Es ist nicht egal, wenn ich mich hauptsächlich als Typ verstehe, der heterosexuell ist. Ich könnte aber genauso gut, ganz zufällig, homosexuell sein und sie könnte ein Mann sein. Es würde nichts ändern. Ich bin also zufällig ein Typ, ich bin zufällig heterosexuell und ich kann sie – auch zufällig – nicht „haben“.

Jetzt sitz ich also hier und kann einen Menschen, den ich liebe, nicht „haben“. Ja, das ist so. Ob mich das aber unglücklich macht oder nicht, liegt zum größten Teil an mir.

Vor gut einem Jahr habe ich ein Haus renoviert und dieser Mensch, den ich ewig nicht gesehen habe, ist mir beim schier endlosen und langweiligen renovieren immer wieder eingefallen. Impulsiv, bedrängend. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil ich den Gedanken an diesen Menschen nicht aus meinem Kopf bekommen habe. Ich wollte den Gedanken an diesen Menschen loswerden. Und dann habe ich bemerkt, dass ich mich nicht schlecht fühle, weil ich an diesen Menschen denke, sondern weil ich nicht an diesen Menschen denken will.

Und dann dacht ich mir: Das ist doch dämlich. Warum macht es mich unglücklich, wenn ich an einen Menschen denke, den ich großartig finde? Ich habe die Jahre davor oft und lange an den Holocaust gedacht und da habe ich mich nicht so schlecht gefühlt. Und das war nur so, weil ich die Gedanken an den Holocaust nicht loshaben wollte. Also habe ich beschlossen, den Gedanken an diesen Menschen, den ich wahrscheinlich liebe, nicht wegzuwünschen. Dann hat es mir irgendwann gefallen an diesen Menschen zu denken. Dann hat es mich glücklich gemacht an diesen Menschen zu denken. Weil es ein schöner Mensch ist.

Und natürlich bin ich nicht „erleuchtet“ oder etwas ähnliches. Natürlich tut es manchmal weh, wenn dieser Mensch mir einfällt und ich mir ganz automatisch denke „Ich wär gern bei ihm. Ich würd ihn heut gern sehen“. Und dann erinnere ich mich, dass es darum nicht geht. Dann versuche ich zu spüren, wie sich das anfühlt, an diesen Menschen zu denken. Und dann vergesse ich, dass dieser Mensch der Auslöser für dieses schöne Gefühl war und ich vergesse, dass ich ihn nicht haben kann. Und dann sehe ich etwas das auch schön ist und denke mir „Es ist schön hier zu sehen. Es ist schön das zu sehen.“

Und dann denke ich wieder an den Menschen den ich wahrscheinlich liebe und sage: „Danke, dass du mich erinnert hast, dass es schön ist hier zu sein“ und dann grüße ich freundlich jemanden den ich nicht kenne. Und das passiert alles, ohne den Menschen zu „haben“, den ich manchmal, wenn ich vergesse, haben will.

© Bernd Schmidl 2021-06-11

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