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#forschen#mond#unsichtbarkeit

Die Erforschung der Unsichtbarkeit

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Die Erforschung der Unsichtbarkeit | story.one

Der Anfang fehlt. Er mag in heller Vorzeit liegen, als der Mond noch weiblich war, die Zyklen der Natur das Leben bestimmten und das Jahr dreizehn Monde umfasste.

Beginnen wir mit heute. Es ist wieder so weit. Es ist Freitag, der 13. August 2021. Der einzige Freitag, der 13., in diesem Jahr. Der Tag, an dem sich die 13. Feen zum Symposium auf dem Mond versammeln. Die 13. Feen, eine Gemeinschaft der Uneingeladenen, wieder Ausgeladenen, Geächteten, Verstoßenen … Viele Namen sind über uns im Umlauf.

Ich mache mich auf den Weg.

Nein, die dunklen Flecken auf der Vorderseite des Mondes, das sind nicht wir. Beileibe nicht! Denn unser Treffpunkt ist die RĂĽckseite des Mondes. Jene unsichtbare, weil von der Sonne abgewandte, nicht beleuchtete Seite. Unsichtbar, seitdem die Erde den Mond an die Leine genommen hat und mit ihm gleichermaĂźen gemeinsam rotiert.

Nicht immer waren wir die 13. Feen gewesen. Forscherinnen hatten wir uns genannt. Hatten Fragen gestellt. Viele Jahrtausende lang.

Über die Jahrtausende hinweg kam es auf der Erde jedoch zu Umwälzungen. Irgendwann gab es einen Kalender und presste uns in eine Zwangsjacke. Irgendwann wurde der Freitag, der 13., ein schwarzer Freitag. Und irgendwann tauchten wir sogar in den Märchen als schwarze Schafe auf. Tauchten im Hintergrund unter, in der Unsichtbarkeit.

Noch immer sind wir Forscherinnen. Stellen Fragen. Widmen uns dem Offensichtlichen, vornehmlich der Erforschung der Unsichtbarkeit:

… Wer sind die Hauptakteure auf der Bühne der Wahrnehmung? Sind es Vordergrund und Hintergrund? Wer steckt hinter dem Hintergrund? Macht der scheinbar unsichtbare Hintergrund den Vordergrund erst sichtbar? Braucht der Vordergrund den Hintergrund für die Tiefe? Was ist im Grunde Tiefe? Lässt sie Sichtbares verschwinden oder ermöglicht sie es? Und wer steht überhaupt hinter mir? Oder eher: was? …

… Was sieht der Betrachter eines Landschaftsgemäldes zuerst? Die Wolken? Den Hasen? Und der Betrachter der Mona Lisa? Sieht er den Wald, die Berge, den Fluss? Wird Hintergrund beachtet, geschätzt? Was macht ein Bild zu einem Ganzen? Und wenn dem Künstler die Muse genommen wird, wo ist der Künstler dann? …

… Ohne die Rückseite des Mondes: Wo wäre der Mond? Würde da die Strahlkraft der Sonne nützen? Ohne uns 13. Feen: Würde mit unserer Unsichtbarkeit auch die Erde verschwinden? …

Ich mache mich also auf den Weg und bin gespannt, wer heute erscheint.

Es ist Freitag, der 13. Das Datum bleibt eine Hypothese. Auch der Ort ist nicht bewiesen, doch der Mond hat Tradition. Wir erkennen uns sowieso, jederzeit, überall, sind lebendiger Widerspruch, sichtbar unsichtbar, sind alt und jung gleichzeitig, klein und groß, dick und dünn, weiblich und männlich, sind viele.

Vielleicht hört man uns am Ende sogar zu? Wir sind die Zaunkönige dieser Welt.

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Foto: epic images, pixabay

© Brigitte Hieber 2021-08-13

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