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#normalanders#leidenschaft#storyone

Zugblicke

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Zugblicke | story.one

<> Regen im Gegenlicht, Lichtfasern schrÀg zum Horizont <>

Ein Schnappschuss in Worten. Fotoapparat habe ich keinen dabei. Es ist der 19.3.2013, 16.30 Uhr. Ich stehe in Lorch am Bahnhof und es gießt.

Die Regionalbahn fĂ€hrt ein. Ich steige ein, setze mich ans Fenster. Das Fenster wird mein Sucher sein. Meine SchnappschĂŒsse werden beliebig sein. Je nachdem, in welchem Moment ich hinausschaue. Je nachdem, was meinen Blick anzieht. Je nachdem, wie lange ich danach zum Aufschreiben brauche.

<> Zwischen den BĂ€umen am Hang zwei umgestĂŒlpte Plastikeimer, einer blau und einer gelb <> Das Beigebraungelb von Sand- und Schotterhaufen, dahinter das Gelbblau von Lidl <>

Es werden keine aufregenden Motive sein, die ich ablichte. Ich kenne die Strecke. Kenne ich sie wirklich? Und: Welcher Ausschnitt wird sich versprachlichen wollen?

<> Ein aufgeschrecktes Huhn, das von den Gleisen weg auf die Wiese lĂ€uft <> Knorrige ApfelbĂ€ume, die ihre flechtenĂŒberzogenen Äste in die Höhe recken <> Auf dem Bahnsteig der blaugelbe „Wiesel“ mit weit geöffneten TĂŒren, als sehnte er sich FahrgĂ€ste herbei <>

Es ist eine Fahrt durchs Remstal, durch eine lÀndliche Gegend, durch kleine Ortschaften, bis es stÀdtischer wird. Ihr seid mit dabei.

<> Feldwege im flachen Land, die sich bis in die HĂŒgelkette in der Ferne hinaufschlĂ€ngeln <> SpaziergĂ€nger mit und ohne Hund, ein einzelner Radfahrer <> Eingepfercht zwischen BĂŒrogebĂ€uden: eine mĂ€chtige Trauerweide <> Auf dem BrĂŒckenpfeiler ein Graffiti in leuchtendem Rot und GrĂŒn <> KleingĂ€rten mit weiß-umwickelten Baum-Skeletten <> BetongebĂ€ude zwischen WintergestrĂŒpp und Wolken: Kompositionen in Grau <>

Jetzt haben wir den Regen ĂŒberholt. Ohne meine Zugblicke hĂ€tte ich bestimmt den Zeitpunkt verpasst.

<> Blauer Himmelsstreifen ĂŒber rotem Zug <> In schwarzem GehĂ€use zwei gelbe Signal-Lichter, dann zwei grĂŒne <> Zwischen den Böschungen das Schienental: metallisch-glĂ€nzende Linien, die sich hinter der Kurve verlieren <> Rotes Auto neben rotem Auto neben rotem Auto neben rotem Auto auf grauem Asphalt <> Am Bahnsteig eine Frau mit roter Rose in der Hand, die Haare vom Wind zerzaust, der Mund verkniffen <>

Die Sonne bricht durch.

<> Wolkenspektakel <> Durch die dunklen Zugfenster schemenhaft die TunnelwĂ€nde <> Aus Schlamm und PfĂŒtzen aufragende BĂŒro-HochhĂ€user, davor: hastende GeschĂ€ftsleute <> Bahnhofshallengewimmel <>

Stuttgart Hauptbahnhof. 17.17 Uhr. Umsteigen. Uff! Meine normale Anreise zu meinem normalen Arbeitstag. Und doch anders.

2020: Ich lese die Zugblicke wieder und stelle verblĂŒfft fest, dass ich jeden Schnappschuss in Worten noch als Bild vor mir sehe. Und zwar so deutlich, als wĂŒrde ich ein Foto anschauen.

© Brigitte Hieber 2020-05-02

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