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#tod#liebe#angst

Ein Tag zu spät

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Ein Tag zu spät | story.one

Hier bin ich gesessen. Gestern Abend. Zusammen mit der wohl schönsten Frau der Welt. Eingehüllt in eine Wolke aus Liebe und dem Geruch nach ihrem Vanilleparfum. Wenn ich an gestern zurückdenke, rieche ich es nach wie vor. Wenn ich meine Augen schließe und meine Gedanken treiben lasse. Genau wie das Wasser im Fluss plätschert, der an mir vorbeirauscht. So lasse ich meine Gedanken treiben, in einem Fluss aus Liebe und purer Verzweiflung.

Auf meiner Zunge tanzt ein Hauch von Vanille, wenn ich mich auf die Bank, auf der wir uns den ganzen gestrigen Abend Geschichten aus unserem Leben erzählt haben, setze. Wenn ich an ihre Stimme denke. An ihr bezauberndes Lächeln. An ihre Haare, gemacht aus reinem Gold. Mein gesamtes Leben riecht nach ihr und nach feinster Vanille.

Seit drei Jahren kenne ich sie. Seit jeher vergöttere ich sie. Ihre Stimme, ihr bezauberndes Lächeln, ihre Haare, gemacht aus reinem Gold. Ihre Art, wie sie mich ansieht und mir genauestens zuhört. Ihren Humor. Ihre angeblichen Fehler. Ihr Muttermal unter dem rechten Auge, welches jedoch perfekt mit dem goldenen Haar harmoniert. Ihr viel zu lautes Lachen über sich selbst, sodass sich alle anderen Personen in der Nähe nach ihr umdrehen. Erschrocken oder amüsiert. Einfach alles an ihr liebe und bewundere ich.

Doch erst gestern habe ich ihr meine Liebe offenbart und somit herausgefunden, dass sie dasselbe für mich empfindet. Sie hat mich lange angelächelt und mich dann geküsst. Sofort habe ich die Leidenschaft unserer Seelen gespürt, vollkommene Geborgenheit ist durch meinen Körper gesickert. Unsere gemeinsame Zukunft hat zwischen unseren Lippen geprickelt.

Das ist wohl der schönste Abend meines Lebens gewesen. Gefolgt vom schrecklichsten. Denn nun sitze ich hier, ohne sie, nur mit Erinnerungen. Mit wenigen Erinnerungen.

Hätte ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt, wären wir nun seit drei Jahren zusammen und hätten schon ein Stück unserer gemeinsamen Zukunft erlebt. Wir hätten viel mehr Erinnerungen. Wir wären nicht mehr hier in dieser Stadt, sondern würden nun gemeinsam auf dem Land wohnen. Ihr wäre das alles nicht passiert. Sie würde nun lachend bei einem Glas Wein mit mir auf der Terrasse sitzen. Nicht tot im Krankenbett liegen.

Vielleicht hätte ich ihr gar nicht schon vor drei Jahren sagen müssen, dass ich sie liebe. Vielleicht hätte es vorgestern schon gereicht, und wir hätten heute zusammen etwas unternommen. Vielleicht habe ich drei Jahre verstreichen lassen. Aber ich habe es ihr nicht drei Jahre zu spät gesagt. Ich habe lediglich einen einzigen Tag verpasst. Ich bin einen Tag zu spät gewesen.

Ich erhebe mich wieder und mache mich auf den Weg nach Hause. Auf den Weg in eine Zukunft – ohne sie.

Zarter Vanilleduft hält meine Gedanken zusammen.

© Carmen Aschbacher 2021-02-23

Von Tränen, Schmerz und VerzweiflungSchattenseitenZahlt sich das Leben aus?#alleineTrauer bewältigen, loslassen, Das eine, letzte Mal

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