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#familie#sohn#liebe

Liebe muss man sich verdienen

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Liebe muss man sich verdienen | story.one

Ich spaziere durch die Straßen. Die rot gefärbten Blätter von den Bäumen der Mini-Allee am Straßenrand rascheln unter meinen Füßen. Die Hände habe ich in meinem senffarbenen Mantel vergraben. Ich mag den Herbst, da kommt alles langsam zur Ruhe.

An der Ampel steht ein junges Mädchen, Hand in Hand mit ihrer Mutter. Ich runzle die Stirn. Sie ist bestimmt schon zwölf. Wieso hält sie immer noch die Hand ihrer Mutter? Als ich näher komme, höre ich die beiden lachen. Ich stelle mich neben sie und atme tief ein, die kalte Luft ist angenehm.

Ein grüner Audi hupt ungeduldig das Auto davor an. Darin sitzt eine junge Frau, sicher ein Führerschein-Neuling. Die Ungeduld des Autofahrers und den Stress, der auf die Frau ausgelassen wird, spüre ich fast selbst in der Brust. Instinktiv hoffe ich darauf, dass sie so schnell wie möglich beschleunigt und von der Kreuzung wegkommt. Wenn du im Straßenverkehr unterwegs sein willst, musst du dich beeilen, um andere – die vielleicht Wichtiges zu tun haben - nicht zu behindern. So ist das nun mal.

Es hilft nichts. Auch wenn die junge Frau schon längst weitergekommen ist, der Audi hat sich an sie angeheftet und tritt immer wieder abwechselnd auf Gas und Bremse. Ich kenne den Sound, ich besitze das gleiche Modell, nur ist meiner schwarz. Ich fahre selten damit, in der Stadt komme ich mit den Öffis gut zurecht, die Umwelt möchte ich nicht zusätzlich belasten.

Beim Überqueren der Straße erzählt die Mutter dem Mädchen neben mir, dass sie stolz auf den Auftritt im Jugendchor sei, von dem die beiden wohl gerade kommen. Gut, dass ich nicht dabei war. Ich mag solche Veranstaltungen nicht. Anderen beim Singen zuzuhören bringt mich im Leben doch nicht weiter, oder?

Nachdem ich links abgebogen bin, überlege ich, ob und inwieweit meine Eltern wohl stolz auf mich wären. Ich komme gut zurecht in der neuen Wohnung, bin tagsüber sehr produktiv und gehe früh schlafen. Ich trinke keinen Alkohol mehr und gehe fünfmal pro Woche schwimmen. Das wollten sie doch immer. Wieso fühle ich mich dann so leer dabei?

Auf meinem Weg zur Haltestelle komme ich an einem Jungen vorbei, der in dem Moment, wie ich ihn überhole, zu Boden fällt und augenblicklich zu weinen beginnt. Ich zucke zusammen. „Steh auf“, denke ich mir insgeheim, bleibe stehen und blicke hilflos zu seiner Mutter. Wird sie nicht sagen, er soll leise sein?

Das Gegenteil ist der Fall.

„Hey, alles gut“, meint sie leise, während sie ihm hoch hilft. Sie umarmt ihn und fragt, ob er sich weh getan hätte. Zum Dreck an der beigen Hose gibt es ein „Zum Glück ist nur die Hose verletzt, nicht du, mein Schatz. Komm, lass uns weitergehen - Papa wartet schon!“, mehr nicht. Kein Schimpfen, kein Schreien, kein Augenüberdrehen oder wütendes Stöhnen. Die beiden schlendern wieder lächelnd weiter.

Ich runzle die Stirn. Liebe gibt es gratis?

© Carmen Aschbacher 2022-08-17

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