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#liebe#warum#neubeginn

Wenn du meine Hand nimmst, drückst du sie zu fest

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Wenn du meine Hand nimmst, drückst du sie zu fest | story.one

Wenn du meine Hand nimmst, drückst du sie zu fest. Wenn ich dich ansehe, verschwindest du.

„Können wir kurz stehenbleiben?“, frage ich leise. Du nickst abwesend, offensichtlich habe ich dich aus deinen Gedanken gerissen. Trotzdem gehst du weiter, ich ziehe dich sanft zurück und warte, bis wir beide stehen. Als ich dich ansehe, verschwindest du. Ich kann durch den Nebel hindurch die Bäume hinter dir ausmachen.

Nachdem ich mehrmals tief die feuchte Herbstluft eingeatmet habe, siehst du mich erschrocken an. „Hey, was ist los?“

Ich schüttle den Kopf und lehne mich vor, um dich zu umarmen. Du erwiderst meine Geste und summst mir die Melodie deines Lieblingsliedes ins Ohr. Ich erinnere mich an den Text, habe es damals frisch verliebt auswendig gelernt: „Life is beautiful,“ heißt es, bevor die Tonart von Dur in Moll wechselt, „But time flies. You can’t remain here forever, beauty-ideals change, beauty-ideals change,…”. Irgendwie gibt mir das Lied die Erlaubnis, meine Gedanken denken zu dürfen. Ich muss nicht hier bleiben, denn die Welt ändert sich. Wir ändern uns und das ist okay. Wenn wir schon lange nicht mehr wie Rosen gemeinsam das Geländer hinauf wachsen, sondern uns immer wieder gegenseitig unser Wasser wegnehmen, passt es nicht mehr. Wir können woanders hinwachsen, woanders besser wachsen.

Ich umarme dich noch ein kleines Stückchen fester. Keine Reaktion. Ich blicke auf die Bäume hinter dir und auf die Wiese, auf der wir gerade stehen. Nach dem kurzen Regen vorhin scheint alles zur Ruhe gekommen. Der Anblick der nassen Grashalme kühlt mir den Kopf, der Geruch der schweren Luft gibt mir ein kleines bisschen Mut.

Es liegt nicht an dir oder mir, es liegt am Uns. Wir sind keine Rosen, wir sind Löwenzahn. Alleine möchten wir uns den Weg durch den Asphalt graben, so weit wie möglich möchten wir unsere Früchte fliegen sehen. Wir behindern uns gegenseitig.

Du hast kein Problem mit mir. Du fürchtest dich vor dir selbst, du läufst vor dir selbst davon. Auch wenn mich der Gedanke schmerzt, weiß ich, dass dich jemand anderes als ich glücklicher machen kann. Ich muss mich zuerst selbst finden. Und du musst mehr von der Welt kennenlernen, um für dich das Beste herauszufinden. Wir sind beide derselben Meinung, doch aussprechen vermag es niemand. Wir haben einander gern, doch zu kämpfen haben wir beide aufgegeben.

Es tut mir leid, aber: Wenn du meine Hand nimmst, drückst du sie zu fest. Wenn ich dich ansehe, verschwindest du. Der Abschwung, der nun auf uns zukommt, ist im Grunde genommen nur ein umgekehrter Aufschwung.

© Carmen Aschbacher 2022-08-29

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