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Bei Hexen haben wir an Sie gedacht

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Bei Hexen haben wir an Sie gedacht | story.one

Von 1991 bis 2012 habe ich freiberuflich für das Feuilleton der Salzburger Nachrichten geschrieben. Gut 100 Beiträge hab ich in dieser Zeit für die Wochenendbeilage verfasst. Mit Themen querbeet. Meistens konnte ich selbst auswählen und beschäftigte mich, meinen Interessen entsprechend, mit Frauenthemen, Reisen, Wissenschaft, Portraits oder Buchrezensionen.

Zweimal wurden mir in all den Jahren Themen quasi aufs Aug gedrückt. Das war einmal zum Einstieg 1991 die Rezension einer neu erschienenen Abhandlung über “Die Maya, Archäologie einer Hochkultur”. Zu der Ehre war ich gekommen, weil ich im Oktober des Jahres eine sechswöchige Reise quer durch Mexiko unternommen hatte und so aus erster Hand über den veränderten Blick auf die Vergangenheit des mittelamerikanischen Landes erzählen konnte.

Beim zweiten, von der Redaktion an mich herangetragene Themenvorschlag, ging es um Hexen, Hexenverbrennungen und deren Bund mit dem Teufel. Ich wagte nicht zu hinterfragen, wie man für diese Geschichte ausgerechnet auf mich gekommen war. Im Nachhinein bin ich froh darüber, weil mir gerade diese Reportage viele Leserbriefe eingebracht hat. Das ist immer gut fürs Image einer Freiberuflerin und brachte mir das Privileg ein, fortan wieder selbst bestimmen zu können, worüber ich berichten, wozu ich recherchieren wollte. Da kamen dann viele Familiengeschichten, Erziehungsfragen und Portraits mehr oder minder prominenter Persönlichkeiten. Vieles einfach aus dem Leben gegriffen.

Jeder Text war für mich etwas ganz Besonderes, denn im Unterschied zu Presseaussendungen oder huldvollen Reden, die ich sonst als Ghostwriterin schrieb, konnte ich bei meinen SN Beiträgen davon ausgehen, dass sie auch wirklich gelesen und mir zugeordnet wurden. Das war eine journalistische Selbstbestätigung und gut fürs Ego. So gut, dass ich des Öfteren am Freitagabend um den Block schlich, darauf hoffend, einem Zeitungskolporteur mit der Samstagsausgabe zu begegnen.

Mein letzter großer Zeitungsbeitrag beschäftigte sich im April 2012 mit dem Untergang der Titanic vor damals genau 100 Jahren. Ein Besuch im Maritime Museum in Halifax, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia, erwies sich als ergiebiger Ort zur authentischen Spurensuche. Die dort gesammelten stummen Artefakte erzählten beredt ihre tragischen Geschichten. Das hat mich sehr berührt. Der hölzerne Liegestuhl, der das Unglück nahezu unbeschadet überstanden hat, die Schuhe eines Kindes aus der dritten Klasse neben den Handschuhen eines Millionärs…

Was ich damals nicht wusste, war, dass mit dem Bericht über die Titanic auch meine SN Karriere unterging. Danach wurde ich - weil zuwenig humorvoll - nicht mehr “beschäftigt”.

Ein kurzer Nachsatz noch. Auf einer Zugfahrt nach Graz fragte mich der Schaffner, ob ich denn vielleicht was zum Lesen möchte. „SN“ antwortete ich. Er schüttelte bedauernd den Kopf: „SM? Nein, leider, in die Richtung haben wir gar nix.“

© Caroline Kleibel 2021-09-26

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