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#überraschungsmoment#neuland#wattwandern

Ein schöner Land in dieser Zeit

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Ein schöner Land in dieser Zeit | story.one

Unsere Ankündigung, im Corona Sommer in Deutschland Urlaub machen zu wollen, stieß weniger auf euphorische Zustimmung als vielmehr auf ungläubiges Kopfschütteln. Was? Echt jetzt? Da könnt ihr ja gleich daheimbleiben. Unser Sohn, seines Zeichens Weltreisender und Privatgelehrter, verbrämte unsere Reisepläne mit dem Ehrentitel „Roadtrip“, um der vordergründig faden Partie wenigstens ein Mindestmaß an Internationalität zu verleihen…

Unser Sehnsuchtsort war Sylt, weil die Nordseeinsel, wie wir dachten, etwas mit unserem geliebten Canada gemein hat. Dort, in unserem Haus am See, verbringen wir normalerweise regelmäßig seit vielen Jahren die Sommerferien. Aber was war 2020 schon normal. Genauso windumtost und rau wie die Atlantic Provinz stellten wir uns Sylt vor. Gut gegen Canada Heimweh. Und finanziell entsprachen vier Tage auf der Insel in etwa vier Wochen Nova Scotia. Kühle Meeresbriese da wie dort. Sanddünen und Wattwanderungen. Alles bei angenehm kühler Witterung. Sengende Hitze ist nämlich nicht so meins. So kann man sich irren. Zunächst war einmal der Weg das Ziel. Als wir in Etappen über Bamberg, Dresden, Wittenberg und Lübeck per Autoreisezugs Sylt erreichten, schlug uns tropische Hitze entgegen. Und die war wie es schien gekommen, um zu bleiben. Zwei Drittel des Gepäcks verließen in unserem Inselurlaub nicht einmal das Fahrzeug. Friesenpelz und Gummistiefel blieben im Kofferraum. Stattdessen kauften wir uns T-Shirts und Sonnenhüte. Die Tage auf Sylt waren erlebnisreich und ungewöhnlich. Die Dünen, das Watt, die pittoresken Strandkörbe, das Meer, die fangfrischen Muscheln und Austern. Einmalig. Die Tage vergingen viel zu schnell. An die Hitze gewöhnten wir uns langsam, blies doch immer ein leichter Wind. Beim Radfahren vorzugsweise von vorne. Als Fazit blieb nach unserer Reise die Erkenntnis: Deutschland ist schöner als erwartet. Und es ist heißer als erwartet.

Somit war diese an Überraschungen überreiche Deutschlandreise meine erste, aber sicher nicht die letzte. Wobei, da fällt mir ein, ich war tatsächlich schon einmal ein paar Tage in Rheinland-Pfalz. Im Gymnasium hatte ich dort einen Brieffreund. Jens Hansen. Das klang irgendwie interessant, nach groß, blond und blauäugig. Wir schrieben uns und es entwickelte sich ein netter Austausch. Heute kaum mehr vorstellbar, aber das war noch vor Internet. Bei einem Zwischenstopp auf der Durchreise in Innsbruck lernte ich seine Mutter kennen. Vertrauensbildende Maßnahme. Eine reizende Dame. Glaskünstlerin und überaus sympathisch. Also traute ich mich drüber und besuchte Jens in den Sommerferien. Leider war er nur groß, weder blond noch blauäugig, und er hatte rein gar nichts vom Charme und der Ausstrahlung seiner Mutter. Dennoch war es interessant, den Felsen der Lorelei zu sehen und Rüdesheim am Rhein, aber das war es dann auch schon. Der Briefwechsel verebbte und Deutschland rückte als Reiseland in ganz ganz weite Ferne.

© Caroline Kleibel 2020-11-25

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