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Das Klassentreffen

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Das Klassentreffen | story.one

Ich verweigere! Einmal bin ich dort gewesen, weil einmal bekanntlich keinmal ist, und da hab ich dann die erstbeste Gelegenheit ergriffen, aufatmend wieder das Weite zu suchen. Überhaupt war ich ja nur hingegangen, weil der Weg, den die Einladung damals genommen hatte, ein derart verschlungener gewesen war, dass ich dahinter vorschnell so etwas wie höhere FĂŒgung vermutet hatte. Einen Wink des Schicksals.

Die Einladung war an eine Adresse geschickt worden, an der ich lĂ€ngst nicht mehr wohnte. Sie war darob oben auf am Briefkasten gelandet und irgendwann dahinter hinunter gefallen. Eine Ex-Nachbarin hatte sie zufĂ€llig gefunden, mich ausfindig gemacht und mir den Brief nachgesandt. Gerade noch rechtzeitig, denn als mich die Einladung schlussendlich erreichte, war zwar die Frist zur verbindlichen Anmeldung schon abgelaufen, der Tag der Tage aber stand unmittelbar bevor. Kurz entschlossen machte ich mich auf den Weg ins Heimatbundesland, in das ich sonst nur noch alle heiligen Zeiten kam. Aber nun, fand ich, war es eben wieder einmal soweit. Hotel gebucht, hingefahren, eingelaufen beim Klassentreffen. Eingefahren, aber so was von. Wie um alles in der Welt hatte ich annehmen können, dass 27 MitschĂŒlerinnen, mit denen ich schon vor einer mittlerweile runden Anzahl von Jahren nichts hatte anfangen können, nun im Alter anders, geschweigedenn netter geworden wĂ€ren? Was hatte ich als externe SchĂŒlerin in einer Internatsklasse gelitten unter den Anfeindungen derjenigen, die hinter hohen Klosterschulmauern kurz gehalten worden waren, mit achtzehn erst in die Tanzschule durften und auch sonst das wahre Leben an sich vorbeiziehen wĂ€hnten. Als Externe bot ich eine hervorragende ProjektionsflĂ€che fĂŒr allerlei unerfĂŒllte WĂŒnsche und SehnsĂŒchte. Mobbing wĂŒrde das wohl heute heißen. Damals kannte man dieses Wort noch nicht. Es war einfach nur ungut, immer außen vor zu sein bei allen internen SchmĂ€hs.

Was außer sentimentaler RĂŒckwĂ€rtsgewandtheit könnte mich veranlassen, den weiteren Verlauf der Lebenswege derer kennen lernen zu wollen, die mir schon in unserer gemeinsamen Zeit nicht nahe standen? Möchte ich wirklich Privates mit Frauen teilen, um zu ermessen, wer den besseren Job, den erfolgreicheren Mann oder die hĂŒbscheren Kinder abbekommen hatte? Nein! Konsequenterweise verweigere ich die Teilnahme an den Treffen, die mittlerweile nicht mehr nur zu runden JubilĂ€en, sondern alljĂ€hrlich stattfinden und ein ganzes Wochenende dauern.

Fehlt mir was zum Seelenheil? Vermisse ich Sinnstiftendes? Darben meine Wurzeln? Aber echt nicht! Ich empfinde diesen Teil meiner Geschichte vielmehr als abgeschlossen und fĂŒhle mich gut verankert im Hier und Jetzt, mit festem Blick nach vorn. Ich meine, wir mĂŒssen unsere Vergangenheit hinter uns bringen. Oder - wie es Pumbaa im „König der Löwen“ so trefflich vernudelte: „Wir mĂŒssen unseren Hintern in die Vergangenheit bringen.“

© Caroline Kleibel 2019-04-12

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