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#naturpark#naturschauspiel#kunst

LIFE

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LIFE | story.one

Die markante, dreiteilige Fensterfront ist abmontiert, Claude Monets „Nymphéas“ von den Wänden geholt, alle Kunst hinausbefördert – und die Natur hereingelassen! Die Wände des Museums, normalerweise die Bühne der zur Schau gestellten Werke, sind in die Zuschauerränge verdrängt worden. Der Boden der Ausstellungsräume ist mit dem Wasser des Teichs geflutet, das, dank dem ökologisch unbedenklichen Farbstoff Uranin, jetzt Neongrün leuchtet. Und wie er leuchtet!

Im Wasser spiegeln sich nicht nur die Architektur, die wogenden Bäume und Hecken des Parks, die Menschen, die staunend über den Holzsteg spazieren, sondern schwimmen auch zahlreiche Zwergseerosen und Wasserfarne ins Innere des Gebäudes. Eine Ente gleitet geräuschlos über das Grün, und mit den Regentropfen, die einsetzen, beginnt das Wasser, sich zu kräuseln. In diesem Teich, auf dem Boden des Museums, entstehen fortlaufend neue Bilder. Unmerklich haben sich die Grenzen zwischen Natur und Kunst aufgelöst. Alles läuft ineinander. Wind und Witterung schwemmen Muschelblumen ins Innere. Hier flattert ein Insekt, dort macht sich ein Frosch laut bemerkbar. Die Natur ist sachte ins Museum eingedrungen und verzaubert es.

Hinter diesem radikalen Eingriff in den Museumsalltag steht einer der ersten Künstler, der sich mit dem Klimawandel beschäftigt hat: Olafur Eliasson. Das Spektakel ist in der Fondation Beyeler in Basel zu bewundern. Eliasson ließ schon vor fast zwanzig Jahren im Tate Modern von London die Sonne untergehen. Er machte auf den grundlegenden Akt aufmerksam, nämlich, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, 2015, anlässlich der Klimakonferenz in Paris, schiffte er zwölf schmelzende Eisblöcke aus der Arktis nach Frankreich und stellte sie vor dem Panthéon auf. Man müsse, meinte er damals, physisch spüren, was Klimawandel bedeute. Zu wissen, dass das Eis schmilzt oder es mitzuerleben, seien zwei grundverschiedene Dinge.

Eliassons Ausstellung „Life“ in Basel stellt die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein, wenn man die umgebenden Organismen mit einbezieht. Die Mücken, Frösche und Seerosen, die Enten und schwimmenden Pflanzen nicht vom Ausstellungsraum fernhält, sondern ihnen darin einen Platz gewährt. Die Installation verändert sich unaufhörlich, je nach Licht, Wolke und Windhauch. In diesem Kunstwerk sind wir ein Teil des Ganzen, und das Ganze ist ein Teil von uns. Gleichermassen existiert es in unserem globalen Jetzt, das nicht zuletzt durch den Klimanotstand bestimmt ist.

„Um zu überleben“, schreibt Anna Tsing, „brauchen wir Hilfe, und Hilfe steht immer im Dienst anderer, mit oder ohne Absichten.“

Ich verweile lange vor dieser Installation und in ihr. Sie macht mich hoffnungsvoll. Denn wenn dieses harmonische Miteinander hier von Mensch und Natur mich derart berührt, berührt es nicht nur mich. Und wenn man bewegt ist, dann kann man selbst auch etwas in Bewegung setzen.

© Chantal Foster 2021-05-04

Klima- und Umweltschutz

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