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Der weiße Hirsch

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Der weiße Hirsch | story.one

Er wird nie langweilig, der kurze Wanderweg durch das Moor. Es hat in den letzen Jahrzehnten an Umfang verloren und neuer Wald und Ackerland haben das ersetzt, was einst unberührte Natur war. Ein Moor ist eine natürlich gewachsene Weigerung der Veränderung. Hier kannst du nichts pflanzen und nichts bauen, Mensch. Was immer gleich bleibt, bringt kaum neue Geschichten hervor und so kommt es, dass die alten Geschichten bleiben. Wie die vom weißen Hirschen. Jäger erzählen die Geschichte gerne den Jungen am Stammtisch und man findet sogar Hinweise auf den weißen Hirschen in den Dorfchroniken, die im Gebäude des Gemeindeamts aufliegen. Je nachdem, wem man zuhört, war das junge Paar damals erst 16 oder 17 Jahre alt. Manche sagen es hatte sich vor 100 Jahren zugetragen, oder aber vor zwei oder drei Jahrhunderten, als das Moor zum ersten Mal kartografiert wurde. So ist das mit den ganz alten Geschichten, sie verwaschen und bekommen Geschwister, wie zweieiige Zwillinge. Aber jeder erzählt einstimmig, dass der junge Mann eines Tages, zusammen mit seiner Geliebten, zur Jagd in das Moor ging. Während er auf der Pirsch lag, blieb die junge Dame abseits, um Beeren und Pilze zu sammeln. Kaninchen, Eichhörnchen und Wildvögel waren leicht zu erlegen, wenn man randseits des Unterholzes lauerte und die offenen, sumpfigen Freiflächen im Auge behielt. An diesem Tag aber, stieß der junge Mann auf eine Fährte, die ihm den Atem nahm, so groß waren die Abdrücke der Hufe im feuchten Erdreich und so tief, dass er nicht einmal wagte, das Gewicht zu schätzen. Je länger er der Spur folgte, desto tiefer sank die Sonne und auch nach Stunden hatte er das Tier nicht erblickt. Er wusste, dass es Zeit war umzukehren, doch ließ es sein Ehrgeiz nicht zu. Als die Sonne fast den Horizont berührte, sah er zwischen Bäumen die silbrig schimmernde Gestalt des riesigen Tiers. Während der Junge den Bogen langsam spannte, lag die Sonne genau hinter der Silhouette. Der Pfeil traf sein Ziel, doch der Jubelschrei erstickte jäh, als er sah, dass der Pfeil nicht den riesigen Hirschen, sondern seine Geliebte getroffen hatte, die sich aus Sorge um ihn auf die Suche gemacht hatte. Als er das unfassbare Unglück betrauerte, trat der Hirsch aus dem Unterholz und starrte dem jungen Mann in die Augen. In diesen Augen, so berichtete er später, erkannte er etwas Vertrautes und unendlich trauriges. Als er den Blick schließlich abwenden konnte, war der Körper seiner Geliebten verschwunden. Manch einer glaubte ihm, die Meisten jedoch nicht und vermuteten Intrigen und Eifersucht. Lange suchten sie nach der jungen Frau, aber das Moor gibt selten etwas zurück. Der junge Mann ging danach jeden Tag zurück, um den Hirschen noch einmal zu finden, bis auch er eines Tages nicht mehr zurückkehrte. Und selbst erfahrene Jäger berichten noch heute von lautem Röhren, das aus dem Moor zu kommen scheint. Die meisten sind sich einig, dass es sonderbar traurig klingt, wenn man es glauben möchte.

© Christian Holzer 2021-05-04

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