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18 Grad sind genug

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18 Grad sind genug | story.one

Lutz ist wieder einmal auf facialiber aktiv. „18° sind genug“, postet er und zeigt das Foto eines gut gelaunten Wollpulloverträgers. Unübersehbar zeigt ein Thermometer auf dem Schreibtisch die Raumtemperatur an: 18° Celsius. In den Hintergrund hat Lutz das Video eines sterbenden Eisbärs montiert. „Tu es für das erdir“, schreibt er noch dazu und garniert das Ganze mit einer Reihe von Smileys mit Heiligenschein. Die Erde ist für Lutz ein fühlendes Wesen, deshalb hat er ihr den Namen erdir gegeben. Die Endung ir haben in Bravanien sonst nur Personenbezeichnungen.

Die Antworten, die sofort hereinblinken, ignoriert er. „Für femgents ist das viel zu kalt. Brrr!!!!! Ihr mangents habt leicht lachen. Ihr friert ja erst bei Minusgraden.“ Usw. Im Sommer haben dieselben gemotzt, als er vorschlug, Büros und Wohnräume nicht unter 27 Grad abzukühlen. „Da schwitze ich mir ja das Hirn aus dem Schädel. Meine Finger rutschen bei dieser Hitze von der tastaturrfcxrfdcx.“ Lutz hat nur gelacht und seine Füße hinter dem Haus in die kühle Neder gehalten.

Jetzt sinniert er über sein momentanes Lieblingsthema, die Fleischproduktion. Fleisch macht zwar in Bravanien nicht einmal mehr fünf Prozent der Ernährung aus, ist aber trotzdem noch für mehr als dreißig Prozent der Treibhausgase verantwortlich, die für Nahrungsmittel in die Luft gepustet werden. Wenn es nach ihm ginge, sollte mensch überhaupt kein Fleisch essen und nichts, aber auch gar nichts, was von einem Tier kommt. Wenn er nur an die warme Milch denkt, die ihm seine Mutter immer zur Jause aufgedrängt hat, wird ihm schon übel. Oder Eier! Diese glibberigen Dinger, die nie lange genug gekocht worden sind.

Lutz schüttelt sich. Vielleicht sollte er wieder einmal nach Alstaad fahren und seine alte Mitstreiterin aufsuchen. In ihrer jetzigen Position … . Er hätte da diese Idee. Nur mehr essen, was man selbst getötet hat. Ha! Da würden die Karnivoren schnell aussterben, diese Doppelmoralisten. Steak bestellen ja, aber einer Kuh den Schlachtbolzen auf die Stirn drücken? Nie und nimmer. Dazu sind sie viel zu feige. Das lassen sie gern andere machen. Ja, Lutz ist sich sicher, dass die Fleischfresserei mit einem Schlag vorbei wäre, wenn er es schaffte, Gret davon zu überzeugen, ein entsprechendes Gesetz zu erlassen.

Da ist allerdings ein Gedanke bei der Sache, der ihm weniger behagt. Ihr letztes Treffen ist nicht ganz so … nun ja … erfolgreich gewesen, wie er sich das gewünscht hat. Er hatte sich auf eine schnelle Nummer und ein paar anregende Gespräche gefreut, aber aus den Gesprächen ist nichts geworden. „Du, ich bin jetzt kanzlir“, hat sie zu ihm gesagt, „da kann ich nicht stundenlang darüber labern, wie wir die Welt retten, sondern ich muss es tun.“ Und weg war sie gewesen. Ihn mit seinen grandiosen Ideen einfach liegen lassend.

Dieses Mal muss er das besser angehen, strategischer. Denn die Sache mit den Tieren muss ihm gelingen. Da fährt der Solarzug drüber.

Foto: Ren Qing Tao on Unsplash

© Christine Mayr 2022-12-20

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