skip to main content

Auf den Dieb ist Verlass

  • 64
Auf den Dieb ist Verlass | story.one

Das Entsorgen von nicht mehr Gebrauchtem ist in unserem Haus seit Jahren ein stetig wiederkehrendes, leidiges Thema. Und zwar, seit das Dachgeschoß ausgebaut wurde und der fĂŒnfte Stock besiedelt ist.

RegelmĂ€ĂŸig stapeln sich Pizzakartons und Amazonverpackungen neben dem ĂŒberquellenden Papiercontainer. Weil schon wieder jemand vergessen hat, ihn auf die Straße zu stellen. Weil er deshalb schon wieder nicht entleert worden ist. Alle paar Wochen gammelt ein McDonaldssackl auf der Stiege, die Pommes zur HĂ€lfte aufgegessen. RegelmĂ€ĂŸig liegen angerotzte PapiertaschentĂŒcher und zerknitterte Masken auf dem Treppenabsatz. Niemand fĂŒhlt sich dafĂŒr zustĂ€ndig. Der Dreck bleibt verlĂ€sslich so lange liegen, bis ich ihn mit spitzen Fingern zur MĂŒlltonne trage.

DafĂŒr verschwinden Dinge, deren Entsorgung niemand gewĂŒnscht hat. Ein Paket von shöpping.at, das der Postbote auf dem Briefkasten abgestellt hat. Die Bierkiste, die ein Nachbar hinter der HaustĂŒr zwischengelagert hat, um sie am nĂ€chsten Tag mit frischen KrĂ€ften in den vierten Stock zu tragen. Ein OrangenbĂ€umchen, das den Winter unbedroht von Frost vor einer WohnungstĂŒr verbringen wollte. Die ihres Besitzes unfreiwillig Entsorgten hĂ€ngen dann verĂ€rgerte oder bittende Mitteilungen mit Magneten an den Verteilerkasten. Dass das wirkungslos ist, darauf ist Verlass. Die zugestellte FrĂŒhjahrsjacke, die biologisch gebrauten Biere, die BlĂŒten treibende Pflanze bleiben verschollen.

Deshalb greife ich die Idee auf, die mir ein kleiner Spötter zuflĂŒstert. In meiner Wohnung fĂ€llt ja auch immer wieder etwas an, das in keinen RestmĂŒllkĂŒbel passt. So etwa die Mokkamaschine, die ich nicht mehr brauche, weil mir das Christkind eine edelstahlglĂ€nzende beschert hat. Eine, die nicht tropft. Oder das GeblĂ€se der Therme, dessen Entsorgung Herr Reparateur großzĂŒgig mir ĂŒberlassen hat. Ich stopfe die tropfende Altkanne in den Karton mit dem Bild der strahlenden Original-Bialetti und stelle ihn vor meine WohnungstĂŒr. Unter die tönerne Sonne, die ich zum Geheimversteck fĂŒr meinen ReserveschlĂŒssel auserkoren habe. Er klebt auf ihrer Hinterseite und hat mir schon ein paar Mal den teuren SchlĂŒsseldienst erspart.

Kaum zwei Tage spÀter muss ich mir um die Entsorgung der Metallkanne keine Sorgen mehr machen. Karton und Inhalt haben Beine bekommen. Ich freue mich diebisch. Besonders, wenn ich an die Lacke denke, die sich beim ersten Kaffee-Einschenken im neuen Haushalt ausbreiten wird.

Doch gestern war auch meine Sonne aus Elba weg. Das freundliche, Italianità ausstrahlende Souvenir eines lang vergangenen Urlaubs. Das Gesicht, das jedem Besuch zulÀchelt, egal welche Absichten er hat. Auch diebischen Elstern.

Die in unserem Haus hat zwar regelmĂ€ĂŸig schlechte Absichten, aber auch Anstand. Heute FrĂŒh lag der SchlĂŒssel vor meiner TĂŒr. Auf dem RĂŒcken der Sonne.

© Christine Mayr 2022-02-07

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.