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Eine Mauer in Marrakesch

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Eine Mauer in Marrakesch | story.one

Laila hat es kommen sehen. Nicht in dieser Heftigkeit, aber etwas in der Art. Das Gesicht ihrer Freundin gefriert, eine Falte gräbt sich tief zwischen die Augenbrauen. Das Schweigen dauert. Der Tee wird kalt. „Der Teufel scheißt wirklich immer auf den größten Misthaufen“, sagt die Freundin schließlich.

Laila hat es nicht erzählen wollen, aber Julia ist hartnäckig gewesen. „Wo warst du denn so lange?“, hat sie gefragt. „Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“

„Ich war in Marrakesch“, hat Laila geantwortet.

„So lange? Sonst hast du doch immer nach einer Woche genug von deiner Familie.“

„Ich hatte etwas zu erledigen.“

Die Falte auf Julias Stirn wird tiefer. Sie will wissen, was. Was hatte Laila zu erledigen, das sie ihr nicht erzählen will? Sonst plaudert sie immer drauflos. Dass man ihr etwas aus der Nase ziehen muss, kommt selten vor.

„Eine … Erbschaftsangelegenheit.“

Julia ist keine, die sich mit vagen Auskünften zufriedengibt. Laila hätte es wissen müssen. Und das Thema gar nicht anschneiden. Einfach sagen, Mama war krank und hat Hilfe gebraucht. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. „Onkel Asil hat mir sein Haus vermacht.“

„Du hast ein Haus geerbt?! Sag du mir …“

„Ein altes, in der Altstadt“, fügt Laila schnell hinzu. Aber es ist schon zu spät.

Eh klar, denkt Julia. Immer trifft es die, die ohnehin schon genug haben. Eine Wohnung in der Innenstadt, ein Haus auf dem Land, Mieteinnahmen, von denen man leben kann. Keine Notwendigkeit, sich morgens in ein Kostüm zu quälen und sich mit Kolleginnen und Chefitäten herumzuärgern. Keine Notwendigkeit, einen großen Bogen um die schicken Boutiquen zu machen. Ein Haus, ein ganzes Haus. Warum passiert mir so etwas nicht? Wenn ich doch auch einmal etwas geschenkt bekommen würde. Ich halte das nicht mehr aus. Dass der Teufel immer auf den größten Haufen scheißen muss.

Ich hätte meine Freude so gern mit dir geteilt, denkt Laila. Als Kind habe ich mir das Paradies so vorgestellt. So kühl und bunt wie den Garten in Onkel Asils Riad. Eingehüllt von starken Mauern. Draußen die Hitze der Stadt, drinnen Wasser, plätschernd, ein Taubenpärchen am Brunnenrand. Weißer Fliesenboden mit zarten, schwarzen Rauten. Üppige Bougainvilleas in großen Töpfen, Feigenkakteen und Mandelbäume, Pfirsiche, Bananen und Datteln.

„Ich zeige dir ein Foto, Julia.“ Eines, das die Situation entschärfen wird. Das vielleicht die Freundschaft retten wird. Die Außenansicht des Hauses, die Fassade. Ein typisches Bild für Marrakeschs Altstadt. Schmucklos, schlicht, unauffällig, fensterlos, egal, wie paradiesisch das Innenleben. Eine Fassade wie eine Festungsmauer. Eine Mauer gegen den Neid.

Foto: Karina Peters on Unsplash

© Christine Mayr 2021-08-26

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