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Kalt is

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Kalt is | story.one

Das Jahr hat so gut angefangen. Ein paar meiner Geschichten im Radio, vom Hörpublikum mit Silber und Bronze belohnt. Das Interview launig, der Moderator angetan, der Herr Literaturkenner zart begeistert. Ob ich eines meiner BĂŒcher fĂŒr eine Verlosung unter den Hörerinnen spendieren wĂŒrde? Aber klar doch. Man werde sich bei mir melden. Und ich hĂ€tte einen Onlineauftritt in einem Literaturportal gewonnen. Wie schön. Die Portalmacher wĂŒrden sich bei mir melden. TschĂŒss und ciao.

Dass die Heizung ausgefallen war, bemerkte ich an diesem sonnigen Tag nicht. Ich hatte vor Freude strahlend genug Hitze produziert. DafĂŒr waren die nĂ€chsten Tage umso kĂ€lter. Draußen hingen grau die Wolken, mein Vermieter suchte Klempner – zwei, denn an der Therme war Totalschaden diagnostiziert worden und man will doch nicht den Erstbesten nehmen, bei einer solch großen Investition. Da mĂŒssen zwei Angebote her, mindestens – und das elektronische Brieffach blieb leer.

Wird schon werden, sagte ich mir und fĂŒtterte den Kachelofen im Wohnzimmer mit den Buchenscheitern, die dekorativ darauf gewartet hatten, mir einen heimeligen Hörabend zu bescheren. Nach den zehn Folgen einer Schostakowitsch-Biografie waren sie ausgebrannt und ich fror.

Der Hausbesitzer kam mit einem Installateur, der von Leitungen ĂŒber Putz und zerschlagenen Fliesen redete. Hoffentlich hat der zweite eine bessere Idee, dachte ich und schlug mein Notebook auf. Vielleicht hatten Radio- und Portalmacher ja mittlerweile geschrieben. Hatten sie nicht. Bevor mir die KĂ€lte die Laune vergĂ€llte, holte ich meinen knielangen Rollkragenpullover aus dem Schrank. Er wĂŒrde mich schon allein mit seinem Rot wĂ€rmen. Dann fuhr ich zum Baumarkt meines Vertrauens und entzog es ihm sofort. Kein einziges Buchenscheit weit und breit. Ich machte kehrt, bevor mich jemand nach meinem 2-G-Ausweis fragen konnte und fuhr zu dem Baumarkt, bei dem es immer etwas zu tun gibt. Ich hievte vier SĂ€cke kostbares Holz ins Auto, warf sie neben den Ofen und quetschte mir dabei einen Zeh. Mit einem Eisbeutel auf dem Fuß stellte ich fest, dass mein Postfach immer noch leer war.

Den nĂ€chsten Bedarf an Brennmaterial stillte ich mit Holzbriketts und schrieb meinem Vermieter ein SMS. „Mir ist jetzt zum dritten Mal das Holz ausgegangen. Meiner Kraft geht es bald Ă€hnlich. Wie ist der Stand der Dinge?“ Es dauerte noch ein paar Tage, dann stand Handwerker Nummer zwei in meinem Bad. Er meinte, die Leitungslegerei könne man sich sparen, wenn man Boiler und Therme getrennt beließe. Innerlich jubelte ich ĂŒber seine Vernunft, Ă€ußerlich bemĂŒhte ich mich um UngerĂŒhrtheit. Im Notfall, so wie jetzt, habe ich wenigstens warmes Wasser, sagte ich dann aber doch.

Gegen die KĂ€lte in der Wohnung helfen rote Wolle, Holz schleppen und Feuer machen. Gegen die KĂ€lte, die mir durchs Herz kriecht, weil die Mails aus Berlin auf sich warten lassen, weiß ich mir bislang keinen Helfer.

© Christine Mayr 2022-01-24

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