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Werkunterricht

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Werkunterricht | story.one

Er sitzt auf seinem dreibeinigen Hocker, vor sich das wackelige Tischchen mit dem Notebook darauf. Leere Bierflaschen und volle Aschenbecher zeugen von seinen nĂ€chtlichen Orgien mit der Muse. Einen ganzen Roman hat er schon auf der Festplatte liegen, der zweite ist ĂŒber die Mitte fertig.

Gerade will er seinen Laptop zuklappen, da nimmt er eine Bewegung wahr. Etwas krabbelt eines der versifften BierglĂ€ser hinauf. Am oberen Rand angekommen, wackelt es mit seinem Hinterteil und stakst wieder nach unten, ein Bein nach außen gestreckt. Es trippelt die paar Bleistiftbreiten bis zur Bierflasche, steigt gemĂ€chlich bis zum Hals hinauf, pausiert kurz, tĂ€tschelt das Glas mit hinten und jetzt sieht er es: Es hat mit dem ausgestreckten Bein einen Faden gespannt. Kaum sichtbar. Nur wenn das Licht der Neonröhre aufflackert, sieht er ihn schimmern. Oh ja, denkt er, eine Spinne mĂŒsste man sein. Netze knĂŒpfen, das können die. Ganz im Gegensatz zu ihm. Der daheimsitzt und sich wundert, warum die Welt sein Werk ignoriert.

Die Spinne tanzt nun auf dem Seil, das sie zwischen Flasche und Glas gespannt hat, zurĂŒck. In der Mitte macht sie halt und seilt sich ab. Er rĂŒckt nah an sie heran. Hellbraun-golden ist sie, die Beine dezent behaart. „Guten Abend, Frau Spinne“, sagt er. „Sie sind ja eine ganz HĂŒbsche.“ Kurz hĂ€lt sie inne, um den Abseilfaden auf der Tischplatte festzutackern. Dann klettert sie daran hinauf. „Guten Abend auch. So freundlich werde ich selten begrĂŒĂŸt. Und hĂŒbsch hat mich noch kein Mensch genannt.“

„Darf ich Ihnen beim Netzwerken zuschauen? Ich könnte nĂ€mlich ein paar Tipps gebrauchen.“

„Bitte. Aber ich werde Sie enttĂ€uschen, denn ich bin nicht ĂŒberall hĂŒbsch“, sagt die Achtbeinige, als sie oben angekommen ist, dort, wo sich die bisher gesponnenen FĂ€den kreuzen. Sie wackelt wieder mit ihrem Hinterteil und er sieht, was sie gemeint hat. Auf ihrem unteren RĂŒcken hockt ein Ding, schwarz und hĂ€sslich wie eine Warze. Da presst sie das Fadenmaterial heraus. Nach ein paar Minuten spannt sich zwischen Bierflasche und Glas ein GerĂŒst aus Speichen. Diese verbindet die fleißige Spinne nun mit QuerfĂ€den. „Das ist ja ein komplizierter Tanz, den Sie da auffĂŒhren“, sagt er.

„Ja, ich muss höllisch aufpassen, denn die QuerfĂ€den sind klebrig. Ich darf mich nur auf den Speichen abstĂŒtzen, sonst bleib ich selber picken, in meinem eigenen Netz. Tricky, was?“

„Alle Achtung.“

„Gelernt ist gelernt. Und jetzt gute Nacht.“

Madame Spinne ist in der Mitte ihres nun dicht gesponnenen Netzes angekommen. Ihre Arbeit ist getan. Erschöpft hÀngt sie sich in die Seile, streckt alle Achte von sich. Jetzt muss nur noch die Mahlzeit einfliegen.

Was die auch bald tut. Es ist eine kleine Motte. Noch wĂ€hrend sie im Schock zappelt, stĂŒrzt sich die Spinne hungrig darauf. „Guten Appetit“, sagt er. „Über die Motte reden wir ein andermal.“

© Christine Mayr 2022-02-04

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