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A scheane Leich

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A scheane Leich | story.one

Wenn im Dorf jemand starb, wurde er/sie in der guten Stube aufgebahrt. Die VorhĂ€nge wurden zugezogen, der Tisch entfernt und in der Mitte eine mit weißen TĂŒchern umhangene Bahre aufgestellt, auf die der Leichnam gelegt wurde, nachdem er gewaschen und in das beste Gewand gekleidet worden war. Ein spezielles kleines Sterbekreuz wurde in die verschlungenen HĂ€nde gelegt und dann mit einem weißen Leintuch zugedeckt. Ein ewiges Licht – ÖllĂ€mpchen – leuchtete im Herrgottswinkel, Kerzen und TannenkrĂ€nze mit Blumen fĂŒllten den Raum und verbreiten einen eigenen Geruch, vermischt mit den DĂŒften der vielen Menschen, die kamen, um zu ‘sprengen’ und zu beten. Vor der Bahre stand ein WeihwassergefĂ€ĂŸ, aus dem die Toten besprengt wurden.

Wir Kinder gingen 'Leiche schauen'. Wenn irgendwo jemand ‘Leich lag’, liefen wir hin und wie es Brauch war, deckte die Vorbeterin oder Angehörige die Tote bis zu den HĂ€nden ab, um sie noch einmal sehen zu können und sich zu verabschieden. Das war schon ein bisschen gruselig. Sehr aufmerksam suchten wir in den Gesichtern nach geringsten Regungen und nicht selten meinte eines der Ă€lteren MĂ€dchen, sie habe ein Zucken gesehen, was uns erschrocken davonlaufen ließ. Manchmal war ein zusammengefaltetes Tuch um das Kinn gewunden und am Kopf festgeknotet – als ob der Verstorbene Zahnweh hĂ€tte. Das machte man angeblich, wenn der Mund sonst nicht zublieb. NatĂŒrlich blieb viel Raum fĂŒr Spekulation, wenn der Tote nur scheintot wĂ€re. Dass bei der Leichenbeschau ein Stich ins Herz durchgefĂŒhrt wurde, beruhigte uns nur wenig.

Den ganzen Tag ĂŒber gingen Leute ein und aus und wenn ein GrĂŒppchen zusammenkam, begann jemand einen Rosenkranz zu beten. Dann musste man bis zum Ende dableiben. Das versuchten wir Kinder zu vermeiden, taten so, als ob wir schon lange gebetet hĂ€tten und verließen rasch das Haus. FĂŒr die ‘Sprengleut' gab es im Anschluss ein Schnapsl oder ein Glas Wein in der KĂŒche, wo man sein Beileid ausdrĂŒckte und ĂŒber die Todesursache und die Tragik redete.

Drei Tage blieben die Toten offen aufgebahrt, dann brachte der Tischler den Sarg, die Leiche wurde hineingebettet und der Deckel zugeschraubt. Bei meiner Großmutter war das fĂŒr mich der schlimmste Moment. Die EndgĂŒltigkeit wurde mir bewusst.

Am BegrĂ€bnistag versammelte sich das ganze Dorf vor dem Haus. Der Pfarrer und die Ministranten holten den Sarg ab und mit einem Fuhrwerk wurde er in die Kirche gebracht, nachdem an der HaustĂŒr ein Abschiedsritual vollzogen worden war – das ‘Aussegnen’. Die Blaskapelle fĂŒhrte mit TrauermĂ€rschen, unterbrochen von Tschinellen und Trommelrhythmen den Leichenzug an.

In der Kirche sang der Kirchenchor. Besonders berĂŒhrten mich die Lieder “Dies irae - Tag des Zorns" und “NĂ€her zu dir mein Gott”, das auch heute noch gesungen wird. Am Grab folgten Reden, eventuell SalutschĂŒsse und das StĂŒck “Ich hatt' einen Kameraden” bei Kriegsveteranen. Da blieb kein Auge trocken.

"Des wor a scheane Leich"! - gemeint, ein schönes BegrÀbnis.

© Christine Sollerer-Schnaiter 2021-10-16

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