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#meditation#buddhismus#retreat

Nach Chiba zum Retreat

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Nach Chiba zum Retreat | story.one

Kontrastreicher geht's nicht mehr. Meine erste Etappe war touristisch, wie es touristischer kaum sein kann. Die zweite sollte in völliger Abkehr von äußeren Eindrücken und in größter Abgeschiedenheit erfolgen. Aber nicht in einem buddhistischen Kloster, sondern in einem modernen Meditationszentrum in der Präfektur Chiba.

Gerade deshalb wollte ich davor in Tokio den Komfort des Stadtlebens und meine Bewegungsfreiheit in vollen Zügen auskosten. Am 10. Oktober frühstückte ich noch einmal genüsslich im Lokal neben meinem Hotel und begab mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg nach Mobara.

Das Dhamma Adicca Meditation Center ist eins von zwei Zentren in Japan, das auf die Lehren von Satya Narayan Goenka ausgerichtet ist. Dieser vermittelte die indische Vipassana-Meditation, eine der ältesten indischen Meditationstechniken. In einem 10-Tage-Kurs soll die Konzentrations- und Wahrnehmungsfähigkeit geschult werden, die dann für eine tiefgreifende Betrachtung und Erforschung der eigenen körperlichen und geistigen Realität eingesetzt werden kann.

Das alles klang gut und ich folgte bei der Anmeldung, die schon monatelang vor der Reise erfolgen musste, der Empfehlung eines Angehörigen. Zehn Tage den ganzen Tag nur sitzen und meditieren, ab Mittag kein Essen, kein Handy, nicht einmal Lesen erlaubt, kein Sprechen, kein Blickkontakt zu den anderen Teilnehmern. Die ersten Tage seien furchtbar, aber dann stelle sich eine Leichtigkeit und so etwas wie ein Glücksgefühl ein.

Nun, hatte ich nicht gelernt, dass Kasteiungen nicht nötig sind. Gautama Buddha erkannte den von ihm „Mittleren Weg" genannten Pfad zur Erleuchtung. Die Hingabe an die Sinnesfreuden führt nicht zu wahrer Erkenntnis, aber eine selbstquälerische Askese ebenso wenig, lehrte Buddha. Ziel soll daher eine ausgeglichene Lebensführung sein, bei der die beiden Extreme vermieden werden. So hatte ich das auch für richtig erkannt und gelebt.

Wenn aber sogar junge Leute von diesem Vipassana schwärmen, wenn das Schweigeretreat regelrecht zum Hype wurde, vielleicht ist dann aber doch etwas dabei, das mir noch nicht untergekommen ist, überlegte ich. Ruhe, Konzentration, Atemübungen, Fasten, unter Gleichgesinnten sein, das konnte schon was haben. Auch wenn man sich nicht verbal austauschen kann, so wird sich energetisch gewiss etwas Positives abspielen, dachte ich mir und war froh, dass ich als einzige Nichtjapanerin teilnehmen durfte.

Die Bahn brachte mich am Tokyo Disneyland und an riesigen Hafenanlagen vorbei in eine monoton wirkende Landregion. In der Provinzstadt Mobara hieß es von der Bahn auf eine lokale Buslinie nach Mutsuzawa umsteigen. Am Bahnhof von Mobara bestätigte sich, dass man sich in Japan als Ausländer in tiefster Provinz wie ein Zwischending aus Analphabet und Fabeltier fühlt. Die Verständigung erfolgte mit Händen und Füßen. Ein kleiner handgeschriebenen Zettel mit der Nummer des Busses. Keine Abfahrtszeit.

© Clarissa_Smiles 2021-02-24

Japan XPsReif für die Insel

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