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Sprachkurs in Caen mit Miss Hosono

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Sprachkurs in Caen mit Miss Hosono | story.one

Unglaublich lang ist es her. Im glühend heißen Sommer 1976 reiste ich, damals Jurastudentin, mit dem Zug nach Frankreich, um an einem Sommerschulprogramm in Caen in der Normandie teilzunehmen. Als ich am Campus der Universität von Caen ankam, war ich von der großen Zahl der internationalen Teilnehmer überwältigt. Seit meinem Studienaufenthalt in den USA zwei Jahre davor war ich nicht mehr so vielen Menschen aus aller Welt begegnet.

Organisation, Versorgung und Sprachkurse, alles war ausgezeichnet. Der Direktor und die Professoren taten ihr Bestes, um unseren Aufenthalt zu einem unvergesslichen Erlebnis zu machen. Wir wohnten auch am Campus. An freien Tagen wurden uns Exkursionen zu schönen Orten und Sehenswürdigkeiten in der Umgebung angeboten, unter anderem Mont Saint Michel.

Trotz der extremen Hitze und Trockenheit waren wir motiviert, unser Französisch zu perfektionieren. In Frankreich bei französischen Lehrern die Landessprache lernen zu können, das war eine großartige Chance.

Es war schicksalhaft, dass sich dort eine Freundschaft ergab, die bis heute besteht.

Beim Mittagessen und Abendessen saßen wir an großen Tischen in Gruppen von ungefähr zwölf Studenten. Ich gesellte mich zu einer Gruppe deutscher Studenten und japanischer Mädchen. Schon in der Mittelschule hatte ich Yoga praktiziert und mich für östliche Kulturen zu interessieren. Daher war ich richtig glücklich darüber, die jungen Japanerinnen kennenzulernen.

In der Schule hatte ich kein Französisch. Autodidaktisch kam ich auf Durchschnittsniveau. Wir plagten uns wacker. Mit einigen meiner Tischnachbarn war ich zufällig in derselben Lerngruppe. Rechts von mir saß eine liebe Kleine, die Madoka hieß und mit dem Familiennamen Hosono. Unsere Französischlehrerin nannte sie mit gespitzten Lippen “Mademoiselle Usunu” und das klang irgendwie süß. Ich musste jedes Mal grinsen.

In der Freizeit ging ich gerne mit der japanischen Schar spazieren, deren Englischkenntnisse kaum besser waren als ihr Französisch. Manchmal redeten wir mit Händen und Füßen. Für die Japanerinnen war ich wie eine Riesin, und das amüsierte die Mädchen. Sie wollten mir ein paar Brocken Japanisch beibringen. Ich revanchierte mich mit einigen deutschen Wörtern. Sie kicherten. Ich kicherte, weil sie kicherten. Und sie kicherten, weil ich kichern musste, wenn sie kicherten. So beginnen Freundschaften! Wir aßen gemeinsam Eiscreme. Sie umringten mich und ließen mich von eins bis zehn auf Japanisch zählen.

Es gibt noch diese Schnappschüsse, wie wir vor der Kathedrale von Caen stehen und wie ich meine Madoka hochhob, weil sie war ja fast die Hälfte von mir. Bald nahte die Zeit für den Abschied. Wir tauschten unsere Adressen aus. Seither schreiben wir uns und schicken einander Geschenke. Jahre vergingen, es kamen Hochzeitsfotos, dann Babyfotos aus Japan.

42 Jahre vergingen, bis ich im Oktober 2018 meine Jugendfreundschaft in Tokio wieder in die Arme schließen konnte.

© Clarissa_Smiles 2021-01-22

Japan XPs

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