skip to main content

#meditation#retreat#kontrolle

Vipassana in Chiba, Tag 1

  • 61
Vipassana in Chiba, Tag 1 | story.one

19 Japanerinnen und ich in einem Raum, die Betten seitlich durch VorhĂ€nge voneinander getrennt. Sprechen verboten, Blickkontakt verboten, Lesen und Schreiben verboten, kein Sex, kein Alkohol, keine Drogen, kein Handy, kein Laptop. Keine Mahlzeit nach Mittag, allerdings eine Marscherleichterung fĂŒr Neulinge, die durften nachmittags noch ein StĂŒck Kuchen und ein StĂŒckchen Obst zu sich nehmen.

Meditieren hingegen durften wir, und zwar von fĂŒnf Uhr morgens bis zehn Uhr abends, ausgenommen Mahlzeiten, Körperpflege und Toilettengang. Von Freiwilligkeit war keine Rede. Wir alle unterlagen einem Meditationszwang. Im Meditationsraum saß eine Aufseherin, die jede Regung von uns beobachtete.

Außerhalb des Meditationsraums schwirrte eine sogenannte Managerin herum, der absolut nichts entging. Sie sorgte dafĂŒr, dass wir spĂ€testens beim ersten Gongschlag in den Meditationsraum huschten. Einmal ein StĂŒndchen im Bett verbringen oder sich draußen im Freien aufhalten, war undenkbar. Man wurde sofort aufgegriffen und ermahnt.

Kurzum, in Wahrheit handelte es sich um einen Meditationszwang und um totale Kontrolle.

Die Einnahme der Mahlzeiten war streng ritualisiert, vom Wechsel der Freilandschlapfen zu den Indoorschlapfen bis zum Abwaschen des verwendeten Geschirrs. Nach japanischer Tradition gab es zum FrĂŒhstĂŒck und mittags Reis, dazu GemĂŒsebeilagen und mittags etwas Obst und ein Dessert. Gekocht wurde von freiwilligen Helfern, allesamt Leute, die schon an solchen Retreats teilgenommen hatte. Kontakt zu diesen hatten wir nicht.

Der Frauen-Meditationsraum war mit quadratischen Sitzkissen und Decken ausgestattet. Vermutlich war's bei den 20 MĂ€nnern, die im Paralluniversum nebenan praktizierten, analog. TagsĂŒber wurde der Raum abgedunkelt. Mit Spannung erwartete ich die erste Meditation. Eine aufgezeichnete Anleitung, gesprochen von Satya Narayan Goenka, wurde auf Englisch abgespielt. Der im Jahr 2013 verstorbene Lehrmeister war indischstĂ€mmig und wuchs in Myanmar auf.

Wir sollten bewegungslos sitzen, möglichst im Lotussitz, und uns auf das kleine StĂŒckchen unterhalb der Nase konzentrieren, wo unser Atem ein- und ausgeht. Diese Übung sollte uns helfen, uns zu konzentrieren und achtsam zu werden. Vipassana ist eine Achtsamkeitsmeditation. Letztendlich, lange genug praktiziert, soll sie den Übenden zum Nirwana fĂŒhren, also dem Kreislauf des Leidens und der Wiedergeburten durch Erwachen befreien. Alles gut und schön, dachte ich mir, aber wie soll einem in einem derart abweisenden Milieu das Herz aufgehen?

Ich war nicht nur die einzige Nichtjapanerin im Raum, sondern auch mit Abstand die Àlteste und noch dazu schon lange nicht mehr gewohnt, mit gekreuzten Beinen auf einer Matte zu sitzen. Zehn Minuten ging es, dann wurde es schon ziemlich unangenehm. Aber nun war nicht von zehn Minuten die Rede, sondern von zehn Stunden tÀglich, und das zehn Tage lang. Ich glaubte, ich bin im falschen Film.

© Clarissa_Smiles 2021-03-01

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.