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#meditation#retreat#vipassana

Vipassana in Chiba, Tag 2

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Vipassana in Chiba, Tag 2 | story.one

Mitte Oktober, ein wundervoll milder Herbst. Ich genoss jeden Augenblick an der frischen Luft und entdeckte im Areal des Dhamma Adicca Centers ein paar BlĂŒmchen. Da floss Liebe. Die Wiese war recht und schlecht gemĂ€ht. Ein paar Koniferen sĂ€umten das GrundstĂŒck auf einer Flanke ein. Am Waldrand konnte ich ein paar große Vögel beobachten, wie sie sich von Baumkrone zu Baumkrone schwangen. Jeden Tag beneidete ich sie mehr um ihre Freiheit.

Hinter scheinbarer Idylle und Ordnung bargen sich Machtspiele samt UnterwĂŒrfigkeit und dem Recht der Frecheren. Das bekam ich rasch zu spĂŒren, als ich mich das erste Mal duschen wollte. Da war eine Tabelle, in der wir uns Duschzeit reservieren mussten. Als ich pĂŒnktlich vor meiner Dusche stand, war diese von einer anderen Frau okkupiert, die keine Anstalten machte, wieder herauszukommen. Also KatzenwĂ€sche statt der ersehnten Erfrischung.

Über die Meditation ist nicht viel zu sagen. Auch am zweiten Tag sollten wir uns unentwegt auf die kleine Stelle unterhalb unserer Nasenlöcher konzentrieren und das war's schon. Da ich in Wien vor vierzig Jahren weit intensivere Arten der Achtsamkeitsmeditation erlernt hatte, die mir so in Fleisch und Blut ĂŒbergegangen sind, dass ich sie im Wachzustand so gut wie ununterbrochen anwende, fand ich diese Übung witzlos.

Was bin ich doch schon in Stille gesessen, habe in mich hineingespĂŒrt, habe gelernt, mit feinstofflichen Energie umzugehen, und nie war etwas so nĂŒchtern, nicht einmal bei dunkleren Gruppierungen, die ich auch auf meinem Weg kennenlernen durfte. Manchmal genĂŒgt es, RĂ€ume der Andacht zu betreten und man ist in liebevolle goldene Energie gehĂŒllt. Sanfte Musik, Kerzenlicht, RĂ€ucherstĂ€bchen und Aromaöle heben die Stimmung und schöne Bilder erheben das GemĂŒt.

Nun machte ich eine kontrĂ€re Erfahrung. Davor hatte ich die illusionĂ€re Vorstellung, dass sich unter den Teilnehmern eines solchen Schweigeretreats etwas wie Humor bemerkbar machen kann. Durch sachte Gesten etwa, durch bewusst unbeholfene Ausweichmanöver. Oder vielleicht könnte man durch ein Signal, jemandem den Vortritt zu lassen, ein wenig Freundlichkeit und Menschlichkeit spĂŒrbar machen.

In mir keimte der Verdacht, man habe fĂŒr mich die verhaltensgestörtesten Japanerinnen, wahre Egomaninnen, ausgesucht. Trotz der kulturellen Unterschiede hatte ich ĂŒberall, wo ich hinkam, Leute ausgemacht, bei denen durch eine höfliche Fassade herzliche GefĂŒhle durchblitzten. Ein lĂ€ngerer Aufenthalt, und es hĂ€tten Freundschaften entstehen können. Die Frauen im Center aber nahmen verbissen ihre Mahlzeiten ein, meditierten verbissen und vermutlich schliefen sie auch in diesem Zustand ein.

Meine Familie hatte vor meinem Abflug geunkt, ich wĂŒrde schrecklich unter dem Handy-Entzug leiden. In Wirklichkeit beeintrĂ€chtigte mich nur die Sorge, ob ich in diesem schlampigen Irrenhaus nach Ende des Retreats wieder alle meine WertgegenstĂ€nde wohlbehalten zurĂŒckbekomme.

© Clarissa_Smiles 2021-03-01

Japan XPs

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