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#selbstdisziplin#desorientiertheit#japanxp

Vipassana Tag 5 und frei in Tokio

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Vipassana Tag 5 und frei in Tokio | story.one

Mein Alptraum neigte sich dem Ende zu. Packen, ein letztes Frühstück. Niemand bekam etwas davon mit, dass ich bald verschwunden sein werde. Nach dem Frühstück wie besprochen Ausgabe meiner Wertgegenstände. In Japan ist nicht zu befürchten, dass etwas verschwindet. Und dennoch. Prompt bekam ich zwar meinen Laptop und mein Handy. Aber da fehlten immer noch mein Portemonnaie und der Fotoapparat.

Peinliche Berührtheit auf beiden Seiten. Schließlich fand die Lady, die etwas geistesabwesend wirkte, doch noch eine Tüte, aus der die vermissten Utensilien auftauchen. Nie wieder möchte ich in eine solche Situation kommen, dachte ich mir, und überbrückte die Wartezeit bis zur Abfahrt zur Busstation mit Handyladen und ein paar unbemerkten Fotos im Areal.

Sehnsüchtig richtete sich mein Blick auf das angrenzende Waldgebiet, das für mich unerreichbar blieb. Diese großen Vögel wirkten, als ob sie vom Meer herüberkämen. Ach ja, das Meer is nur wenig Kilometer von hier entfernt. Was für eine Dummheit. Hätte ich doch lieber ein paar Tage Badeurlaub gewählt. Ich bin so gerne am Meer. Endlich war es so weit. Ein Helfer verfrachtete mich in einen PKW. Plötzlich tauchte eine junge Frau auf, die ebenfalls einstieg. Sie stellte sich als Südkoreanerin vor, die zurück nach Tokio musste. Sie habe ein paar Tage freiwillig mitgeholfen.

Die junge Dame erzählte mir stolz, sie habe schon fünfmal an einem solchen Retreat teilgenommen. Ich sah sie etwas skeptisch an und bemerkte nichts vordergründig Abnormales an ihr. Anscheinend gibt es Menschen, die solche Radikalmethoden brauchen. Ihre Begleitung hatte für mich den Vorteil, dass ich mich um den Ticketkauf im Bus und das Umsteigen nicht alleine kümmern musste. Sie stellte sich als Shiatsu-Lehrerin in Ausbildung vor und verriet mit auf der Fahrt ein paar Druckpunkte, die entspannend wirken sollen. Nach einigen Stationen stieg sie aus und ich war endlich wieder dabei, ich selber zu sein.

Abermals gelangte ich zum Hauptbahnhof Tokyo Station. Es fiel mir schwer, Fassung zu bewahren und mich darauf zu konzentrieren, was zu tun ist. Erstmals war ich in Japan unterwegs und hatte noch kein Quartier reserviert. Ich hätte mich in ein Café setzen und irgendein Zimmer buchen können, aber ich fühlte ein massives Problem aufsteigen.

Irgendein simples. steriles Quartier würde ich nach diesem Abstieg in die Unterwelt (so erlebte ich es), nicht ertragen. Durch den ungewohnten Lebensrhythmus mit Tagen, die sich endlos dahinzogen, hatte ich auch ein Zeitproblem, fühlte mich zeitlich desorientiert. Ich war keine fünf Tage weg vom normalen Leben, aber es kam mir wie zwei Wochen vor. Ich brauchte Assistenz.

Also steuerte ich dem Tourismusbüro zu und musste darum ringen, beherrscht zu bleiben. Endlich war ich wieder unter normalen Menschen! Um es kurz zu machen: Eine liebenswürdige Japanerin, die jahrelang in Kalifornien gelebt hatte, managte alles für mich. Mein Quartier: das Tokyo Dome Hotel in Bunkyō.

© Clarissa_Smiles 2021-03-04

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