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#unvergesslichereisen#80tageumdieweltchallenge

Ich sehe keinen Gott hier oben

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Ich sehe keinen Gott hier oben | story.one

Es war mir unerklärlich, wie er sie nicht hatte sehen können. Damals, als er über den Wolken schwebte und zu den Sternen flog. Wahrscheinlich lag es daran, dass dort die Freiheit grenzenlos war und man die menschgemachten Dinge etwas aus den Augen verlieren konnte.

Ich jedenfalls sah sie, all die prunkvollen Sakralbauten, die das Stadtbild des ehemaligen Leningrads prägten. Als stumme aber imposante Zeitzeugen erzählten sie von der vielschichtigen Vergangenheit eines Landes, welches irgendwann beschlossen hatte, kein Erlösungsversprechen für das Jenseits zu benötigen.

Und selbst wenn die vom Zar gewollte Auferstehungskirche als schönstes Gotteshaus der Stadt galt, ragten die typischen Zwiebeltürme des heutigen Museumskomplexes eher wie bunte Lutscher in den Himmel. Als sichtbare Metaphern für die Geschichte, die unaufhaltsam ihren Lauf nimmt.

Unser kurzer Aufenthalt in Sankt Petersburg neigte sich dem Ende zu. Das touristische Pflichtprogramm war abgehakt, unsere letzten Rubel hatten wir gegen eine Schifffahrt auf der Newa eingetauscht. Unser Nachtlager sollten wir nun eine Autostunde entfernt in einem religiösen Bildungszentrum beziehen, welches von einem befreundeten Priester geleitet wurde.

Wenig später stellten wir unseren klapprigen Mercedes auf einem staubigen Hinterhof ab. Eben noch geblendet von den pompösen Kirchenbauten der Petersburger Innenstadt, starrten wir nun ungläubig auf die aschgraue Ärmlichkeit, die uns hier umgab. Bunte Zwiebeltürme wurden abgelöst von klobigen Betonplatten, welche kirchturmhoch in den wolkenverhangenen Himmel ragten. Optisch hatten sie mit diesen nichts gemeinsam.

Irgendwo, aus dem Fenster eines der oberen Stockwerke, winkte uns Don Vladimir freudig zu. Er war schon lange hier und wollte bleiben. Stolz führte er uns durch die nüchterne Einrichtung, die ausserhalb der Ferien als Schule und Jugendzentrum fungierte. Weg vom Alkohol, hin zu Bildung, zu Zukunft, zurück zum Glauben, das war seine Vision. Ich sah nur kahle Wände, rostige Wasserhähne in nüchternen Zimmerzellen und einen utopischen, religiösen Kampf gegen Windmühlen.

In unmittelbarer Nähe kümmerte sich eine Handvoll Freiwillige treulich um den Wiederaufbau einer verfallenen Kirchruine. Sie war mehr Ruine als Kirche, doch der Wille ein Senfkorn auf dürrem Ackerland. Am Abend lud uns Vladimir zum Gottesdienst. Er sprach im Flüsterton, wir feierten die Heilige Messe hinter verschlossenen Türen und abgedeckten Fenstern. Zu Sowjetzeiten hatte man sich dieses Versteckspiel angewohnt, sagte er, und irgendwann hatten die anderen die Suche aufgegeben.

Es fiel mir durchaus schwer, hier inmitten einer spirituellen Betonwüste einen fruchtbaren Boden für eine Wiederbelebung des Glaubens zu sehen. Aber Vladimir war vielleicht nicht Jury Gagarin, doch er griff nach den Sternen. Und ich bin mir sicher, dass er von den wolkenhohen Dächern seines Plattenbaus Gott sehen konnte.

© Claudia Schubert 2021-04-08

Heikes Welt

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