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Stille Nacht im Palermo

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Stille Nacht im Palermo | story.one

Der Nachtportier rauchte, obwohl er das nicht durfte. Doch es war niemand hier, der es ihm hätte verbieten können. Also fingerte zu jeder vollen Stunde eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie sich zwischen die Lippen. Es war ein ungesundes Ritual, das die Langeweile für ein paar Minuten unterbrach.

Das Sturmfeuerzeug klickte und rauschte selbstbewusst. Der Nachtportier hatte es vor einigen Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen, kurz vor seinem Tod. Er ließ die Erinnerung in seine Hosentasche gleiten und pustete den Rauch in die abgestandene Luft. In der kleinen Lobby war es immer stickig und wenn er die Augen schloss, roch er Vergänglichkeit – und etwas Undefinierbares, eine Art Leichengeruch. Der Gestank einer verwesenden Kreatur, die in den Zwischenwänden verrottete.

Es war offensichtlich: Das Hotel Palermo war in die Jahre gekommen und hatte seine besten Zeiten längst hinter sich. Hier stiegen nur noch junge Liebespaare ohne Ansprüche ab, die sich nicht am muffigen Geruch störten. Sie blieben selten länger als eine Nacht. Oft reichten ein paar ungestörte Stunden. Manchmal dachte der Nachtportier daran, alles hinzuschmeißen und sein Glück in einem anderen Hotel zu versuchen. Doch es bestand die Gefahr, dass die Arbeit woanders anstrengend werden würde. Im Palermo hatte er viel Zeit für sich und seine Gedanken. Vor ihm lag das Notizbuch, die leere Seite forderte ihn heraus. Doch heute würde er keinen einzigen Buchstaben zu Papier bringen.

Es war fast ein Uhr, als die schöne Frau ihn siezend begrüßte. Der Nachtportier spielte mit und trällerte: «Willkommen im Grand Hotel Palermo!» Der Hauch eines Lächelns umspielte ihren Mund. Sie legte den Kopf leicht schräg und verlangte nach einem Zimmer: «Das schönste im ganzen Haus!» Wie üblich überreichte er ihr den Schlüssel. Die schöne Frau musste kein Formular ausfüllen und sie wusste bereits, dass der Fahrstuhl seine Zeit brauchen würde. In Eile war sie nicht. War sie nie. «Also dann», sagte sie und machte sich auf den Weg nach oben. Der Nachtportier schaute ihr hinterher und dann auf seine Uhr: Wie gewöhnlich würde er fünfzehn Minuten verstreichen lassen. Die Zeit reichte locker für eine Zigarette. Das Feuerzeug klickte und rauschte. Der Qualm brannte in seinen Augen.

Auf dem Schild, das er dann auf den Tresen stellte, stand: «Rezeption nicht besetzt, bitte wählen Sie die angegebene Telefonnummer.» Er wusste, dass niemand anrufen würde. Im Fahrstuhl versuchte er, durch den Mund zu atmen. Er betrachtete sich prüfend im Spiegel, fuhr mit seinen Fingern durch die Haare und untersuchte seine Vorderzähne. Zufrieden lächelte er sich selbst zu und drückte den Knopf.

© Daniel Berger 2021-05-18

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