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#cultureclub#summerchallenge#muttertochtervertrauen

52 Grad im Schatten

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52 Grad im Schatten | story.one

Tunesien. Es ist Anfang August 1997. Ich will mit meinem dunkelgrünen 1-er Golf länger als drei Monate im Land bleiben und mach mich mit meiner zweieinhalb jährigen Tochter Linda auf Weg in die Landeshauptstadt Medenine. Es gibt 'Shilly' – das kennen wir hier auch als Schirokko – ein super heißer Wind, direkt aus der Sahara strömend.

Autofenster zu, Klimaanlage an – und chillig die eineinhalb Stunden Autofahrt hinter sich bringen. Wäre schön gewesen – keine Klimaanlage in meinem Auto – nur offene Fenster und immer mehr Sand – und meine Tochter neben mir im Kindersitz. Am Boden vor ihr eine Tasche mit Spielsachen, einem Kasperl und Büchern. Ablenkungsprogramm, denn die Landschaft gibt da im August nicht viel her – sehr trocken, alles beige in beige und flach – Steinwüste mehr oder weniger.

Triefend vor Schweiß kommen wir im Stadtzentrum von Medenine, einer Verwaltungsstadt mit ca 60.000 Einwohnern an. Wie finde ich nun die richtige Behörde, die mir die Verlängerung unterschreibt, sodass ich mein Auto noch zumindest ein paar Monate behalten darf, bevor ich es wieder ins Ausland bringen muss (Autos, die älter als 3 Jahren sind, dürfen nicht importiert und neu angemeldet werden)?

Der Asphalt glüht, wir huschen unter den wenigen Gummibäumen im Stadtzentrum zum Zollamt und ich klopfe ans erste Büro… Hilfe – wenn ich nur wirklich französisch sprechen könnte, von arabisch ist noch keine Rede – Mein Schulfranzösisch reicht bei weitem nicht aus. Das ist noch schweißtreibender. Ich werde aber in jedem der mindestens 5 Büros, in die ich geschickt werde, freundlich begrüßt, man schäkert mit meiner Tochter und bewundert ihre großen blauen Augen. …aber das Thema "Aufenthaltsverlängerung für meinen Golf" zieht sich in die Länge.

Ich hab etwas zu trinken mit, eine Melone und ein paar Kekse – die Hitze ist der totale Wahnsinn. Dann kommt auch noch der Toilettenstress dazu. Wo ist eine? Man verweist mich auf ein Café… Oh mein Gott – das wurde vor fünf Jahren installiert, nie geputzt und steht unter Wasser – bin froh, dass ich Plateauschuhe trage! Man bestellt mich für 13h30 wieder ins Büro und teilt mir dann mit, dass ich den Tag darauf wiederkommen sollte, da im Sommer "séance unique" sei, was bedeute – Öffnungszeiten bis 14h und dann Schluss.

Meine Tochter ist so geduldig und brav und schaut sich die Bücher an – ein Buch über die Lokomotive hat es ihr angetan und dieses wunderbare Buch "Bei uns im Dorf". Ich bin dankbar, dass sie das alles mitmacht mit mir.

Wir sind am Weg zurück nach Djerba – im Auto haben wir gefühlte 90 Grad, die Sitze brennen förmlich auf der Haut. Ich lege ein Handtuch auf den Kindersitz und Linda setzt sich neben mich – lächelt mich an und lässt mein schlechtes Gewissen ihr gegenüber etwas schwinden.

Bei der Stadtausfahrt gibt es eine Temperaturanzeige - 52 Grad! im Schatten!

Morgen das ganze nochmals… Der Kasperl auf meiner Hand lächelt Linda an – Life's beautiful!



© die_sage_der_gudrun 2019-06-14

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