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Alleinerziehend in Tunis

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Alleinerziehend in Tunis | story.one

Die Scheidung zieht sich hin, mein Mann ist nach Fuerteventura geflohen, arbeitet für Robinson Club. Er hat niemanden informiert, keine Vollmacht hinterlassen. Wie soll die Scheidung dann über die Bühne gehen? Es ist Dezember 2007, ich suche eine Lösung mit meiner Anwältin. Er muss nochmals nach Tunis kommen um zu unterschreiben, aber ob er das tut ist die andere Frage.

Ich hatte mich auf eine Scheidungsvereinbarung eingelassen, die alles andere als gewinnbringend oder lukrativ ist. Ich erkaufe mir meine Freiheit dadurch. Er hatte mir gedroht – vor seiner Abreise – mir das Leben zur Hölle zu machen, wenn ich seine Konditionen nicht akzeptieren würde: die Übernahme der Firma mit 30.000€ Schulden, 25€ Alimente pro Monat pro Kind, jederzeitiges Besuchsrecht. Ich willigte ein. Ich starte die Firma neu durch: Pierre Protect GmbH, alles rund um den Stein – Steinschleifen, -polieren, -reinigen und -schützen. Täglich am Bau. Ich als Frau! In Tunesien! Ich habe keine Mitarbeiter, kein Auto… Alles weg.

Ein Kunde, der CEO des größten Leasing-Unternehmens ist, vertraut mir, stellt mir einen Leasingvertrag für ein Auto in Aussicht, ich stelle 2 Mitarbeiter ein und akquiriere neue Aufträge. Es muss weiter gehen. Ich habe die Hausmiete, die Schulgelder, das Auto, einfach alles zu bezahlen! Es gibt keinen Sozialfond, keine Alimente, die vom Staat bevorschusst werden. Kein Sicherheitsnetz. Nur privat – meine Mama! Es ist hart. Ich arbeite 70 Stunden – die Firma beginnt sich gut zu etablieren – ich stelle zusätzliche Mitarbeiter ein… es läuft gut. ...Aber noch immer nicht geschieden – das heißt: noch immer meinem Mann "gehörend". Ein ungutes Gefühl!

Er kommt im Februar auf ein paar Tage nach Tunis, unterschreibt unwillig die Scheidungspapiere, kurzes Treffen mit den Kindern. Sein Vater würde mir die 25€ pro Kind monatlich überweisen meint er und fliegt wieder auf die Kanaren. Es klappt. Ich bekomme die stolze Summe von 50€ pro Monat einige Monate lang. Ich arbeite immer mehr – es sind schon 90 Stunden pro Woche. Ich habe mir eine Haushälterin gesucht, die putzt und kocht und wäscht, sonst schaffe ich das nicht mehr… es geht bergauf.

Ich fahre regelmässig mit den Kindern zu ihren Großeltern, die in Nabeul, eine Stunde südlich von Tunis, leben. Die Schwiegermutter hatte mich nie gemocht, ich darf auch jetzt das Haus nicht betreten. Liefere die Kinder ab, gehe in ein Café und hole sie ein paar Stunden später wieder ab. Der Kontakt meiner Kinder zur Familie ist mir aber wichtig! Das Geld versiegt. Die Ex-Schwiegermutter meint, dass sie das Geld für eine Augen-OP braucht und ich einfach mehr arbeiten solle. Na hallo? Nach zahlreichen Diskussionen bekomme ich 200€ von meinem Ex überwiesen.

Mein Leben ist schwer, ich fühle mich oft wie Freiwild, eine Frau ohne Mann, werde oft belästigt, bedrängt – am Bau, wie privat – … ich bin ja auch noch dazu optisch eine "Ausländerin" (blond, blaue Augen)… trotz meines tunesischen Passes. Soll ich bleiben…?

© die_sage_der_gudrun 2020-09-07

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