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Flüchtling mit österreichischem Pass

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Flüchtling mit österreichischem Pass | story.one

Die letzten zwei Jahre in Tunis hab ich 7 Tage die Woche, jeden Tag an die 14 Stunden, viele davon am Bau, gearbeitet. Seit der Revolution ist alles anders geworden. Meine 45 Mitarbeiter sind auf 3 geschrumpft – korrekte Arbeit ist nicht mehr lukrativ genug, einen Kühlschrank stehlen zahlt sich mehr aus und ist weniger anstrengend. So habe ich zwar noch immer extrem viele Aufträge laufen, schaffe sie aber nicht mehr abzuarbeiten. Ich suche händeringend nach Arbeitern, werde aber nicht fündig. Im Gegenteil, das Arbeitsamt macht mir dann auch noch Probleme – ich denke der Leiter will etwas Bakschisch bekommen und ist deshalb unwillig seinen Job zu machen. Ich spiele da aber nicht mit, wie ich es auch früher nie gemacht habe. Ab und zu mal eine gratis Dienstleistung – einen Steintisch aufpoliert – ok, aber kein Geldfluß.

Ich schaffe es nicht, genügend Geld zu verdienen, um das Schulgeld meiner Kinder, die Leasingraten für die Autos, die Miete, die Lebenskosten, die Mitarbeiter usw zu bezahlen. Ich beginne im April 2012 noch einen zusätzlichen Job. Ein japanischer Konzern sucht jemanden für den Vertriebsaufbau in Nordafrika im Bereich Sicherheitstechnik. Ich werde empfohlen, ich brauche Geld und sage zu. So wurde die 5. Woche des Monats erfunden und ich arbeite neben meiner Firma noch für das andere Unternehmen in einer völlig unbekannten Branche. Aber, alles ist erlern- und machbar, wenn man zu viele Kosten und zu wenig Einkommen hat.

Die salafistischen Anschläge auf die amerikanische Botschaft in Tunis ändern abrupt mein Leben. Der Vertriebsleiter der Sicherheitstechnikfirma bietet mir – angesichts meiner Panik um die Sicherheit meiner Familie – einen fixen Job an als “Business Development Manager” für die DACH Region und das französischsprachige Afrika. Wohnort: irgendwo in Europa.

Zwei schlaflose Nächte, viele Überlegungen. Dann siegt die Vernunft: In Europa können meine Kinder und ich finanziell überleben. Ich verdiene EUROS und bekomme auch Kindergeld und bin krankenversichert. Aber ich lasse meine Freunde, mein geliebtes Tunesien, meinen Freund mit dem ich seit 3 Jahren zusammen bin, zurück! Wie werden meine Kinder dies verkraften? Raus aus ihrem Freundeskreis, aus der französischen Schule, ihrer vertrauten Umgebung?

Schweren Herzens verkaufe ich in den nächsten 2 Monaten den Großteil meines Hab und Guts. Ich brauche Geld für den Transport meiner wichtigsten Dinge nach Österreich. Ich arbeite immer noch rund um die Uhr, es muss irgendwie alles noch erledigt werden. Baustellen beendet werden.

Kann ich mich wirklich wieder in Österreich einleben, zurechtfinden? Es ist so weit weg für mich! So unrealistisch!

Ich fliege am 27.1.2013 mit meinen Kindern und drei Koffern von Tunis nach Wien. 100 € hab ich noch. Das restliche Vermögen aus meiner Firma ist verloren. Die Wirtschaftskrise nach der Revolution hat mir alles genommen. Zumindest konnte ich fliegen, aber starten muss ich bei null. Neuanfang!

© die_sage_der_gudrun 2020-11-05

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