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Hoch-Zeit ganz anders

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Hoch-Zeit ganz anders | story.one

Die völlig irrsinnigen Androhungen meiner Schwägerin meine Tochter Linda zu kidnappen oder zu ermorden, wenn ich wirklich ihren Bruder heirate, liegen in der Luft. Linda steht unter ‚Bewachung‘ des Security Chefs des Hotels, in dem ich arbeite. Wir machen weiter, unser Programm so wie – großteils von mir – geplant.

Am Abend vor der eigentlichen Eheschließung bekomme ich Henna an Füßen und Händen aufgetragen. Ein sehr schlichtes Muster. Hauptsache es wird ganz dunkel, fast schwarz! Die Henna-Frau mischt die Paste, trägt das Henna auf, singt dazu, während tunesische Freundinnen auf der Darabouka – einer Trommel – spielen. Anschliessend packt sie Watte darauf und meine Füße und Hände werden in Stofftaschen verpackt. Ich kann weder gehen, noch selbst etwas angreifen. Hilflos! Meine Freunde geben mir zu essen – füttern mich regelrecht, wir haben trotz der miesen Ausgangslage eine gute Stimmung. Meine Familie ist im Hotel, mit Linda. Alles ist gut.

Der nächste Morgen, ich hab schlecht geschlafen mit diesen verbundenen Händen und Füßen, aber da muss ich wohl durch… Ich fahre in Begleitung meiner Mama zum Friseur ins Ortszentrum von Houmt Souk, lasse mir eine schlichte, aber hübsche Frisur machen. Traditionellerweise schminken sich tunesische Bräute sehr stark – da verzichte ich dankend darauf, bevorzuge eine dezente "Verschönerung". Meine Mama ist, obwohl sie schon öfter bei mir zu Besuch war, immer noch überrascht über den Alltag auf Djerba. Wir haben um 11h Termin am Standesamt, bei der "Baladiya". Ich kleide mich ganz in weiß – aber mit Hose und langem Übermantel mit goldenen Knöpfen - nach meinem Entwurf angefertigt von einer befreundeten Schneiderin.

Wird Maoui's Familie kommen? Werden sie noch etwas gegen uns unternehmen? Die Trauzeugen und meine Familie treffen ein und wir kommen gleich dran. Es wird alles auf Arabisch gesprochen, vorgelesen und ich weiß nur, dass ich auf gewisse Fragen "Naam" sagen soll – "Ja". Na hoffentlich schaffe ich den richtigen Einsatz! Es passt alles, Maoui übergibt mir die obligaten 1 Dinar (mein Proforma-Kaufpreis) und ich bin somit seine Ehefrau! Wir fahren zum Essen in ein Restaurant am Strand – im ganz kleinen Kreis. Keine Spur von der Schwiegerfamilie. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen.

Das Tagesprogramm ist aber noch nicht vorbei. Nochmals Umziehen und mit viel Gold schmücken, die südtunesische Tracht anziehen und auf das Kamel, die Jaffah, rauf. Von Reitern und Musikern flankiert ziehen wir zu unserem Haus. Dort haben wir Zelte, mit Teppichen und Pölstern ausgelegt, Fackeln und Lagerfeuer, vorbereitet. Mein Hotel sorgt für die Verpflegung: Couscous, Slata Mejoueia, Tajine. Köstlich.

Mein Bruder Phil ist Musiker und singt und spielt stimmungsvolle Lieder. Maoui's Trauzeuge Ridha, ebenso Musiker, stimmt orientalische Klänge an.Wir tanzen und lachen und geniessen das Fest.

Keine Spur von Maoui's Familie. Schade, hätte sie gerne da gehabt.. aber in Frieden!

© die_sage_der_gudrun 2020-08-17

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