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Das Ende der Unschuld

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Das Ende der Unschuld | story.one

Hier war er also, der Moment. Abspringen, oder sich ins Undenkbare stürzen? Mein Herz pochte. Mein Atem wollte schnell gehen, doch ich kontrollierte ihn. Die Diskolichter waren erloschen. In meinem Gehirn nahm das Feuerwerk wild blinkender Farben kein Ende. Mein neurovegetatives Nervensystem sendete Signale einer absoluten, untragbaren Anspannung. Ein Höhlenmensch wäre an diesem Punkt schon über alle Berge. Meine innere Stimme war längst totgekokst. Ich saß dem Teufel gegenüber, und wusste es.

Angst war dazu da, überwunden zu werden. Seit wann schon lebte ich nach diesem Schema? Wo war das Limit, an dem Angst einfach Angst war und ein guter Hirte?

Nein, ich war da nicht „in irgendwas hineingeraten“. Ich hatte bewusste Schritte gesetzt, Entscheidungen getroffen, den Horizont dort erweitert, wo sonst keiner hingeht, und war nun angekommen. Das finale Ganze. Das Ende der Unschuld.

Ich sagte JA. Ich war mächtiger als mein Nervensystem. Ich besiegte die Natur, die hämmernde Angst, die Moralvorstellungen von Generationen. Die Grenze zum Unmöglichen war gesprengt. Als der bizarr anmutende Anruf getan und der Termin vereinbart war, als die Taxitür zufiel, befanden wir uns jenseits jeder Gerichtbarkeit. Wach und entschieden folgte ich dem Schritt des Mannes, den ich Teufel nenne.

Was soll man erleben, was soll man besser nicht erleben?

Das unermessbare passierte dann ohne mein Zutun: Ein neuer Morgen.

Das rote Licht der aufgehenden Sonne gab der Stadt einen ruhigen Glanz. Erste verschlafene Gesichter holten ihr Brot. Je gelber, dann weißer die Lichtflut wurde, desto geschäftiger die Straßen. Gewaschene, in Anzug gekleidete Körper winkten sich ein Taxi heran. Zuerst nur vereinzelt, dann immer mehr. Bis sich auch Mütter mit Schulkindern auf die Gehsteige mischten. Abschiedsküsse an den Straßenecken und Guten-Morgen-Coffee To Go.

Ich tunkte mein Croissant in den Milchkaffee. Gegenüber der Teufel. Sein Blick war weich, anerkennend. Ich fand mich nicht in ihm. Etwas war verändert. Diese Geschichte durfte nie erzählt werden.

„Diese Geschichte darf nie erzählt werden!“, sprach ich laut aus.

Der Teufel lächelte nur, denn er wusste, was geschehen war, war geschehen. „Jetzt bezahle ich dir noch ein Taxi heim.“

Ich stieg ein und hatte Angst. War dieser Fahrer der gleiche von vor wenigen Stunden? Sollte er mein Gesicht erkennen? Stiller Zeuge nächtlicher Entscheidungen sein? Ich wollte nie mehr Taxis nehmen.

Unruhiger Tagesschlaf in einer normalen Welt, die tickte wie immer. Frisch gepresster Orangensaft zu Mittag. Einige Telefonate. Eine Trommel Wäsche.

Geschichten, die man nicht erzählen kann, sollen sie erlebt werden?

Zähl´ einer dann die Jahre Zeit, seine verlorenen Teile wieder einzusammeln.

© Doris Klepatsch 2021-02-25

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