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#dialekt#multitasking

Drecklackö - Kitchenpoetry

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Drecklackö - Kitchenpoetry | story.one

Gestern wurde ich überfallen.

Wieder einmal. Das ist manchmal so bei mir. Ohne Vorwarnung, aus heiterem Himmel, sind sie plötzlich da. Zwei Zeilen, fix und fertig. Mit der dringlichen Bitte, fortgesetzt zu werden.

Ich stehe also in der Küche, schneide gerade den schon leicht altersschwachen Hokkaidokürbis in Spalten, als der Überfall passiert:

Ois Drecklåck håst es gå nit leicht,

wei schiaga jeda d‘Drecklåck scheicht.

Die beim heutigen Spaziergang entstandenen Fotos haben offenbar in meinem Unterbewusstsein deutliche Spuren hinterlassen. Und schon stellt sich ein weiterer Zweilzeiler ein:

Schiaga neamb geits, den’s uweig‘,

dass a her und an'a Drecklåck steig‘.

Eine Lacke, das Wasser darin schon leicht gefroren. Das ist etwas, wo ich unmöglich vorbeigehen kann, ohne meine Kamera zu zücken. Mit Makro und Zoom entstehen Detailaufnahmen der eisigen Gebilde. Blätter, halb oder ganz unter der kalten Schicht geborgen. Falten auf der dünnen, noch jungen Eishaut. Grau-blau-braun-beige Schattierungen. Kunstwerke aus nichtmenschlicher Hand.

Kaum zu Hause angekommen, sehe ich mir gleich die Ergebnisse an. Schneide hier und da ein wenig zu. Die Macht des richtigen Ausschnitts mache ich mir zunutze. Filter verwende ich nicht. Meine Bilder sind, wie sie sind. Ich treffe eine Auswahl. Ein paar meiner Werke dürfen an die sozialmediale Öffentlichkeit. Erst aber einmal kochen, der Magen knurrt bereits.

Die erste Strophe ist also fertig, der Kürbis auch. Weiter geht's mit den violetten Kartoffeln. Und mit den nächsten Zeilen, die sich förmlich aufdrängen:

Oi wöns hi zan Bådn an See,

ban Lackö dans glei austum geh.

Sei duat des jå scho ungerecht!

So månchs Lackö a See sei mecht.

So, jetzt wird's höchste Zeit, dass ich das aufschreibe, sonst vergesse ich es, bis ich mit dem Herrichten des Ofengemüses fertig bin. Der nächstbeste Zettel wird also „her grissn", Bleistift liegt eh immer griffbereit. Aufs Papier damit.

Es ist wirklich lustig. Manchmal bräuchte man ein Gedicht für einen bestimmten Anlass. Aber man ist irgendwie blockiert. Lässt sich nicht erzwingen. Und dann wieder, für nix, aus reinem Spaß an der Freud, sprudelt's…

Die Kartoffeln, ebenfalls mit Schale in Spalten geschnitten, Weißkrautstücke, Zwiebel und Knoblauch, grob zerkleinert, kommen zum Kürbis in die Auflaufform. Rosmarin und Salbei, Oregano und Thymian, Salz, Pfeffer und viiiiel Olivenöl. Ab ins Rohr. Und hin zum Bleistift:

Åwa jeds Joh kimb a de Zeit,

wo‘s Schwimmageh‘ neamb mehr recht gfreit.

Da See is sche, åwa s‘Wåssa koid.

Då gehst liawa Spaziern an Woid.

Kann ich meinen nichtpinzgauerischen Facebookfreunden dieses Gedicht zumuten? Ja. Kein Mitleid. Geht eh um die Bilder:

Und de Drecklåck, voller Freid,

zoag si va ihra schenstn Seit

und präsentiascht ihr Kunst aus Eis.

Schaut's u de Bütln, zan Beweis!

Drecklackögedicht schreiben, Fotos hochladen. Aus dem Backrohr duftet es schon verlockend. Multitasking. Manchmal funktioniert’s wirklich.

© Doris Wallner 2020-11-22

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