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#flughafen#auswandern#enttäuschungen

Gar nichts ist sonnig in Sun City

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Gar nichts ist sonnig in Sun City | story.one

Mir ist übel, kotzübel, ich bin müde und eigentlich will ich nur ins Bett. Ich bin bereits über 24 Stunden unterwegs und habe seit einer gefühlten Woche nicht mehr geschlafen.

Meine Vorfreude auf mein neues Leben hier, weit weg der Heimat, gleich null, ich will nur noch zu ihm, doch, weit und breit - niemand.

Mein Gepäck kam als Letztes vom Band und jetzt steh ich kurz vor Mitternacht alleine am kleinen Flughafen und werde von einem überaus bestimmt agierenden Sicherheitsmitarbeiter etwas harsch zum Ausgang befördert. Ob es hier Taxis gäbe? Um diese Uhrzeit müsse man wohl einige Zeit warten. Normalerweise würden um diese Uhrzeit keine Flugzeuge mehr landen, wir hatten ja mehrere Stunden Verspätung. Ich solle doch eines rufen. Nein, das Telefon in der Ankunftshalle könne ich nicht mehr nutzen, er schließe jetzt.

Mit zwei großen Koffern und einem Tramperrucksack, schließlich will ich ja auswandern, stehe ich zwei Tage vor Weihnachten in der texanischen Wüste. Vom Überlebensinstinkt gepackt marschiere ich Richtung EXIT und versuche dabei meinen sonst üblichen Galgenhumor wiederzuerlangen.

Warum sollte er auch heute pünktlich kommen, in den letzten Jahren war er noch nie pünktlich, warum auch heute? Warum hab ich auch mein Handy schon abgemeldet? Wo soll ich jetzt hin? Einfach der Straße entlang, weg vom Flughafen.

Während ich in der Ferne kurz darauf eine Tankstelle ausmachen kann, kommen mir die ersten Zweifel. Ist es wirklich die richtige Entscheidung Hals über Kopf alles in der Heimat zurückzulassen um hier, in der Wüste, in einer unsicheren Grenzregion, in einer der gefährlichsten Städte der Welt ein neues Leben zu beginnen?

Nicht nur meine Schultern bringen mich inzwischen um, auch meine Hände versagen. Es ist kalt, saukalt, der Wind pfeift mir um die Ohren und ich bin nicht vorbereitet. Wer denkt auch daran, dass man bei einer Jahresdurchschnittstemperatur von gut 20 Grad in der Nacht erfrieren kann?

Endlich, ich kann das Surren der Leuchtreklamen schon hören, als mit quietschenden Reifen ein Pick-Up neben mir zu stehen kommt: „Hey Baby, ride gefällig?“ Wäre ich doch nicht so ein Angsthase, ich hätte mich reinsetzen sollen, so hab ich denen noch im selben Moment in meinem besten Gemütszustand die Meinung geblasen und sie sind mit quietschenden Reifen abgerauscht.

Die letzten Meter zur Tanke ziehen sich, mir stehen die Tränen in den Augen, als ich dann versuche in die Tanke zu kommen und den Eingang mit einer Vorhängekette verschlossen vorfinde, zieht es mir den Boden unter den Füßen weg. Ich setzte mich auf die Koffer und bin vollends fertig.

„Hey Mam, sie können da nicht übernachten!“ ertönt es über mir. What the f***, wer spricht da mit mir? „Sie können tanken aber zu mehr kann ich Ihnen heute nicht mehr dienen!“ Ich glaube Geister zu hören bis ich den wild gestikulierenden Tankwärter hinter der Glasscheibe erkenne.

Foto: Josiah Farrow (Pexels)

© Eli Schwartz 2021-02-23

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