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#trauer#liebe#mitgef├╝hl

Holocaust Gedenktag

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Was macht einen Film zu einem guten Film? Ich habe bemerkt, dass Menschen das Geschehen auf der Leinwand nach unterschiedlichen Kriterien bewerten. In einem Fall h├Ârte ich ausschlie├člich n├╝chterne Argumente, die sich auf Beleuchtung und Technik, oder die Kameraf├╝hrung bezogen.

Ich erlebe Filme so, als w├Ąre ich im Bild, als Betrachterin, als Zaungast. Ich lache, leide, erschrecke, ich weine, hoffe und lebe mit. Ins Bild gesprungen, wie in die Stra├čenbilder in ÔÇťMary Poppins.ÔÇŁ Wenn es gar zu arg wird, kann ich mir sagen:" Das ist ein Film, die Schauspieler spielen Rollen, die sie einstudiert haben, rundherum sind Filmkameras und Menschen. Der ist nicht tot, wenn er erschlagen wird. Die Szene drehen sie ein paar Mal, bis sie passt."

Das ist die Metaebene, die mich aus dem Bild herausholt, einen roten Knopf hat die Fernbedienung auch. Aus.

Gestern habe ich zum vierten Mal ÔÇťSchindlers ListeÔÇŁ ertragen. Das erste Mal habe ich den Film im Kino, das zweite Mal von einer Viedeokassette in italienischer Sprache abgespult, das dritte Mal im Fernsehen und gestern zum vierten Mal gesehen. Erstmals aufgefallen sind mir Friedrich von Thun und Andreas Schm├Âlzer als Nazis, bemerkt habe ich den ├Âsterreichischen Akzent bei dieser Bestie Amon G├Âth, den Blick konnte ich von dem wunderbaren Ben Kinsley nicht losrei├čen, der, nach Mahatma Gandhi, in diesem Werk eine Glanzrolle spielt. Jeder Blick, K├Ârperhaltung, Gang, Mimik, Bewegung, nehmen mein ganzes Sein in Beschlag. Aus diesem Bild kann ich nicht aussteigen, mich nicht in die rationale Distanz fl├╝chten. Es ist nur ein Film, die sind nicht tot. Die Schauspieler nicht, aber jeder Darsteller verk├Ârpert brillant mit aller Schaupielkunst ein Menschenleben. Die sind tot. Wieder ist Gedenktag. Jedes Jahr ist Gedenktag. Ich habe viele Dokumentationen gesehen, mich nie geschont, nie gescheut, hinzuschauen und nie angestrebt, zu vergessen, obwohl ich damals noch nicht gelebt habe.

Als ich siebzehn Jahre alt war, hat mir jemand die damals wahrscheinlich beste Aufnahme der Zauberfl├Âte geschenkt. Deutsche Grammophon, KarlB├Âhm, Fritz Wunderlich und Konsorten, die unglaubliche K├Ânigin der Nacht und ich konnte mich nicht satth├Âren. Viele weitere Inszenierungen habe ich geh├Ârt, einige haben die, wie ich glaubte, unerreichte ├╝bertroffen. Tief ber├╝hrt hat mich das Marionettentheater in Salzburg, ├╝berw├Ąltigt eine Inszenierung in der Oper Z├╝rich, die ich im Fernsehen miterlebt habe.

In der vergangenen Nacht konnte ich bis in die Morgenstunden keinen Schlaf finden und habe in mein Kissen geweint. Kann es sein, dass die vielen Inszenierungen derselben Geschichte diese verdichten? Kann es sein, dass deshalb die Details, die Gesichter, die Zwischent├Âne, die einzelnen Menschen ins Blickfeld r├╝cken, dass es sich so anf├╝hlt, als w├╝rde man jeden einzelnen Tod sterben? Ich wusste gestern nicht, ob ich durchhalten w├╝rde, denn ich habe aus tiefster Seele geweint, obwohl keine Szene neu war.

Warum?

┬ę Elisabeth Kinigadner 2021-01-23

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