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Die offenen Wunden der Erde

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Die offenen Wunden der Erde | story.one

Leise ist es, man könnte die sprichwörtliche Nadel fallen hören, wäre da nicht das ohrenbetäubende Trommeln auf dem Dach.

Wir starren ungläubig aus dem Fenster. Die Kinder weinen.

Das anfängliche Tack Tack des Hagels ist einem monotonen Kleschen gewichen, als ob jemand mit einer riesigen Geisel immer und immer wieder über unser Bergdorf fegt.

Der kleine gluckernde Gebirgsbach vor dem Haus hat sich innerhalb von Minuten in ein braunes, wühlendes, brüllendes Monster verwandelt. Gierig schiebt er sich durch den Graben, reißt Bäume aus der Böschung, nimmt wahllos mit, was ihm nicht zusteht. Trotzdem ist er unzufrieden, dampft und knurrt, ist wütend und zornig, hasst alles. Selbst überfordert von seiner plötzlichen Macht.

Ich laufe nach draußen. Wo unser Garten war, brodelt ein Gemisch aus Hagelkörnern und braunem Wasser. Wie zum Hohn schwimmen ein paar Tannenzapfen lustig darauf herum. Hagel vermischt mit Schlamm, Rindenmulch und braunem Wasser schiebt sich durch die Hecke der Nachbarn und prallt schmatzend über die Steinmauer auf unseren Rasen. Die Welt besteht nur noch aus 3 Farben, braun, weiß und grau. Überall liegen kaputte Äste und Blumentöpfe. Der Hagel lässt etwas nach und langsam kommen die Menschen aus ihren Häusern. Mit Wischern und Besen und Schaufeln bewaffnet. Alle im Krieg gegen die aus der Bahn gelaufene Natur. Ich stehe fassungslos da und plötzlich gönne ich mir den Luxus, meinen Kopf leer zu fühlen. Das Gedankenkarussell liegt einsam und verlassen da.

Die bunten Pferdchen, der rote Löwe. Doch dann und wann ein weißer Elefant…

Wie Donner rumpeln Steine so groß wie Autos durch das aufgerissene Bachbett. Es stinkt nach den offenen Wunden der Erde. Wir kämpfen, die Menschen, für eine Nacht alle gemeinsam.

In der Dunkelheit brüllt der Bach noch immer, die Sirene heult in unregelmäßigen Abständen. Gespenstisch blinkt das Blaulicht der Einsatzorganisationen über den Ort, wie ein neuer, künstlicher Herzschlag. Kurz lasse ich meinen Besen sinken und versuche den propagierten Herzschlag der Alpen zu spüren. Aber alles was ich wahrnehme, ist dieser neue Ton, ächzend, unnatürlich. Ich weine, ohne es zu merken. Um den Herzschlag der Alpen, die Zukunft der Kinder, das Zuhause so vieler Menschen, verloren durch Wasser, Feuer, Krieg. Ich weine um die gefallene Natur, und um meine Blumentöpfe. Es packt mich mit solcher Wucht, alle Trauer der Welt sammelt sich in mir, reißt mein Wesen auf, wie der Bach den Boden.

Als das Licht des Morgens das Ausmaß der Verwüstung in seiner Vollkommenheit preisgibt, stehen wir noch immer in den Trümmern unserer Gärten.

Da zieht mein 7jähriger Sohn an meinem Ärmel: Mama, schau! Und da… über dem aufgerissenen Bachbett, den gefüllten Murenbrechern der Wildbachverbauung, den überschwemmten Kellern und weggerissenen Gärten, über der ganze Zerstörung … steht ein Regenbogen.

© Elisabeth Kofler 2021-09-15

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