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Istanbul

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Istanbul | story.one

Egal wie oft wir aufeinander treffen, egal wie oft ich dich bereits besucht habe – stets begegnen wir uns aufs Neue als Fremde, die sich seit mehr als zwanzig Jahren kennen. Bekannte Fremde.Im Kindesalter benahmst du dich wie eine strenge Großmutter, die mit ihrem Besen jeglichen Staub der Modernität wegkehren wollte. In meiner Pubertät warst du der junge Student – zielstrebig und bereit, sich dem Ansturm der Veränderungen zu stellen und anzunehmen. Und zu der Zeit war Veränderung eine wahnsinnige Konstante. Nach all den Jahren lerne ich als erwachsene Person dich kennen: Du übst dich in der Akrobatik auf dem Drahtseil der Dualität. Jeder Schritt beim Seiltanz versucht, dich aus dem angestrengten Gleichtgewicht zu forcieren. Im Publikum beobachten wir dir ganz gespannt zu, die Tribüne mitten im Marmarameer und Schwarzem Meer. Zwischen Europa und Asien, unter dem Bosporus.Auf und ab. Hin und her. Mit all der Kraft beschwört die Revolution eine Schwerkraft auf, die dich zur einen Seite drängt. Wohingegen Konservatismus gegensätzlich wirkt. Mit mir im Publikum sitzen sie alle, so unterschiedlich, aber dennoch im Einklang – Tourist*innen, Revolutionär*innen und Konservative. Seit Jahren bist du unaufhörlich am Wandeln, deine alte Identität gabst du auf. Und so verabschiedetest du dich von deinem Namen Konstantinopel. Nur du verbindest Westen und Osten, Moderne und Tradition. Erst jetzt sehe ich immer wieder, wenn ich bei dir bin, dass du nicht die alte Frau bist, die mir in Europa vor Augen geführt wird. Du trägst ihr Herz dennoch in dir, aber gleichzeitig fließt das Blut des jungen Studierenden in dir. Revolution fließt aus der Quelle der Tradition, ohne einander verloren sie sämtlichen Zweck. Im Publikum sitze ich mit ihnen allen zusammen. Türk*innen, die an ihren alten Traditionen festhalten. Muslime, die ihre Religion nach außen leben. Homosexuelle, die Hand in Hand nebeneinander sitzen. Familien, die ihre Kinder streng oder locker erziehen. Tourist*innen, die verwirrt von deiner Dualität sind.Bist du modern, bist du traditionell? Wer willst du sein? Wer sollst du werden?Elegant balancierst du auf dem Drahtseil – gespannt zwischen Europa und Asien, zwischen den Zeiten. Jedes Mal, wenn ich über dich fliege, da sehe ich deinen Geist balancieren. Hin und her. Zwei Kräfte wollen ihre Dominanz ausüben – doch in dir schlummert die Macht, deinen Weg zu gehen.Bereits einmal konntest du es hinter dir lassen, wer du einst warst. Das allein genügt, zu zeigen: Du kannst es immer wieder.Istanbul, in dir erlebe ich das Aufeinandertreffen von Moderne und Tradition. Während die Politik dich in die Vergangenheit ziehen möchte, treibt dich die Revolution und Aufklärung in Richtung Zukunft. Du einst beides in dir. Doch in mir flackert die Hoffnung, wenn ich das nächste Mal auf dich treffe, das Treffen zweier bekannter Fremde, dass dieses Publikum in all seinen Facetten, immer noch friedlich deine Akrobatik bewundern kann.

© Erdim Özdemir 2021-09-14

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